Kultur : KURZ & KRITISCH

Andreas Göbel

KLASSIK

Des Widerspenstigen

Zähmung

Ist Werktreue noch zeitgemäß? In einem Kulturbetrieb, der Originalität oftmals besser honoriert als Qualität, wirkt der Purist Michael Gielen geradezu anachronistisch. Jede Abweichung von der Partitur, alles Exzentrische scheint dem Dirigenten fremd. Das Ergebnis solcher Demut vor dem Werk mündet bei ihm jedoch keineswegs in akademische Langeweile. Vielmehr ist bei seinem Auftritt am Pult des Konzerthausorchesters Berlin Sinnlichkeit zu bewundern, auf höchster Ebene. Ausgerechnet Ludwig van Beethovens ungeliebte vierte Sinfonie erweckt Gielen so zu unerhört neuem, pulsierendem Leben. In manch anderer Interpretation kaum mehr als ein Gestrüpp aus Floskeln und Formeln, entwickelt sich hier eine faszinierende kommunikative Energie. Die Instrumente scheinen miteinander zu diskutieren: Die ersten Geigen widersprechen der Flöte, das Fagott kommentiert ironisch.

Zum Thriller wird Alban Bergs Violinkonzert: Zwei Charaktere liefern sich hier einen Kampf auf Leben und Tod. Der unerbittliche Zuchtmeister Gielen entlockt dem Orchester wuchtige Akkordschläge, kantige Rhythmen, bedrohlich dichte Melodien. Und der Solist Thomas Zehetmair stemmt sich mit einem ganzen Feuerwerk an klanglichen Nuancen gegen diese Attacken. Mal umschmeichelt er die konkurrierenden Stimmen, mal zeigt er ihnen die Zähne. Am Ende versinkt die Geige im schimmernden Orchesterglanz – der Widerspenstige ist gezähmt. Andreas Göbel

AUSSTELLUNG

Vor aller

Augen

Es sind nur Daten. Doch sie helfen dabei, den Opfern ein Gesicht zu geben. Seit November 2005 durchsuchen Historiker der Humboldt-Universität systematisch das Berliner Handelsregister zwischen 1931 und 1941. Ziel des Forschungsprojekts: statistische Angaben zu den Berliner Unternehmen in jüdischem Besitz zu ermitteln und in eine Datenbank einzuspeisen, die qualitative Aussagen über Entrechtung, Vertreibung und Ermordung zulässt. Nun stellt die Ausstellung Verraten und Verkauft. Jüdische Unternehmen in Berlin 1933-1945 in Kooperation mit dem Aktiven Museum im Foyer der Humboldt-Universität erstmals Ergebnisse der HU-Forschung vor (Unter den Linden 6, bis 29. 11., Katalog 5 Euro). Ausgewählt hat das Ausstellungsteam um Christoph Kreutzmüller und Kaspar Nürnberg 19 exemplarische Mittelständler: vom „Erfinder der Boutique“ Emanuel Braun (mit seinem exklusiven Bekleidungsgeschäft direkt neben dem Hotel Adlon) über die Butterhandlung Gebr. Weinberger in der Brunnenstraße bis zur Ruilos Knoblauch-Verwertungs-GmbH, einem Familienbetrieb, der Arzneimittel herstellte. Rund 5600 jüdische Berliner Unternehmen konnten bislang in ihren Grunddaten identifiziert werden, insgesamt dürften es rund 9000 gewesen sein. Ihre Zerschlagung oder Überführung in „arischen“ Besitz geschah vor aller Augen. „Zu viele“, so Kulturstaatssekretär André Schmitz bei der Eröffnung, „haben daraus ihren Nutzen gezogen – teilweise bis heute.“ Es sind nur Daten. Sie erzählen auch von der Gier ganz normaler Mitmenschen. Michael Zajonz

KUNST

Wie Max Ernst

auf den Hund kam

Soeben aus dem Amt des Museums-„Generals“ ausgeschieden, stellte Peter- Klaus Schuster tags darauf Werner Spies und dessen zehnbändige Ausgabe der „Gesammelten Schriften zu Kunst und Literatur“ (Berlin University Press, Köln 2008, zus. 4356 S., 198 €) vor. Spies, 1937 in Tübingen geboren und seit 1960 in Paris ansässig, langjähriger Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, zwischenzeitlich Museumsdirektor am Pariser Centre Pompidou, ist vor allem durch seine Kunstkritiken in der „FAZ“ bekannt. Und natürlich als der unermüdliche Herold von Picasso und Max Ernst, deren Werk er in zahllosen Ausstellungen vorgestellt hat.

Seine Schriften seien „das Ergebnis eines Menschen, der viel Glück hatte im Leben“, so Spies an diesem Berliner Novembernachmittag, an dem er schier nicht enden wollte mit Anekdoten, die zugleich immer ein Stück tiefer Wahrheit enthüllten, über Ernst, über Beckett – mit dem Spies als junger Mann Hörspiele inszenieren durfte –, über die ganze Pariser Literaturszene; aber auch über Andy Warhol, der Max Ernst einen Hund mitbrachte, weil der doch Hunde liebte. Spies’ Auffassung, das 20. Jahrhundert habe in der Kunst genau zwei „intellektuelle Leistungen“ hervorgebracht, den Kubismus und den Surrealismus, muss man nicht teilen, um gleichwohl an seinen Schriften Vergnügen zu finden. Zumal er wie kaum ein zweiter stupende Bildung mit Lesbarkeit zu verbinden weiß. Dass Spies sich einst auf eine Postkarte von Hermann Hesse aus der Schweiz freute – „Ich war Briefmarkensammler!“ – , die dann doch nur in Stuttgart abgestempelt war, weil Hesse am Porto sparen ließ, illustriert die (Lebens-)Spannweite dieses wahren homme de lettres. Bernhard Schulz

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