Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Ravel

im Tivoli

Ein Glück für Dänemarks Orchester, dass es die Sinfonien Carl Nielsens gibt. Bei den Werken des einzigen dänischen Komponisten von Weltrang haben seine Landsleute ebenso einen Kompetenzvorteil wie finnische Orchester bei Sibelius – erstens kennen sie diese Musik schlichtweg am besten und zweitens verstehen sie sie scheinbar intuitiv. Auch Thomas Dausgaard und sein Danish National Symphony Orchestra treffen in der Philharmonie zielsicher die Aufbruchstimmung, die die 1912 uraufgeführte „Sinfonia espansiva“ prägt. Alles, was die Musiksprache des Mahler-Zeitgenossen ausmacht, ist da: der eigentümlich poltrige Enthusiasmus, die pastorale Verträumtheit, aber auch jener Zwiespalt zwischen Rastlosigkeit und Melancholie, der unter der Oberfläche mit dunklen Bläserfarben für die Grundspannung des Stücks sorgt.

Eigentlich ist es nur ein Katzensprung von hier zu Ravels „La Valse“: Auch in dem nur wenige Jahre später geschriebenen „Poème choreografique“ käme es darauf an, jene dunklen Energien spürbar zu machen, die das Tanzparkett zum Beben bringen und schließlich die ganze K.u.K.-Herrlichkeit einstürzen lassen. Doch erstaunlicherweise versuchen's die Dänen hier mit Gemütlichkeit und spielen artig Walzer – Ravel im Tivoli. Dass auch Schumanns Klavierkonzert nur halb beglücken kann, liegt allerdings nicht an den Dänen. Thomas Dausgaard, der gerade mit dem schwedischen Kammerorchester eine lebendige Einspielung der Schumann-Sinfonien vorgelegt hat, weiß um den enthusiastischen Elan dieser Musik. Immer wieder gibt er energische Impulse, die jedoch an Lars Vogt abprallen. Der bleibt in den dramatisch fordernden Stellen blass und versucht, das Konzert zu einer Träumerei mit Orchesterbegleitung zu verkleinern. Jörg Königsdorf

POP

Ein Sound

wie Gold

Die Indieband Vampire Weekend besitzt die seltene Gabe, aus fast nichts fast alles zu machen. Um Punkt 22 Uhr spielen die vier jungen New Yorker den ersten Takt ihres bisher ersten und einzigen Albums, genau 53 Minuten später sagt Sänger Ezra Koenig nach nur einer Zugabe: „See you next year when we'll have a new President!“ Doch es gibt keinen einzigen Pfiff im vollen Kesselhaus der Kulturbrauerei, nur beseelt leuchtende Augen. Denn die Newcomerband hat rund ein Dutzend Popsongs der wundersamsten Art, nun ja, hingezaubert: Unter den lässigsten Afrobeat, zu dem wohl weiße College-Kids fähig sind, legen der immer lächelnde Keyboarder Rostam Batmanglij und der zappelige Bandleader Koenig einen der buntesten und dicht gewobensten Melodienteppiche. Da stoßen barockartige Orgelläufe auf ein selbstsicheres, fast schon arrogant hochgestochenes Organ. Man kann gar nicht anders, als an die Beatles zu denken, an die Talking Heads und Fleetwood Mac.

Tatsächlich gelten die vier wuschelköpfigen Musiker als Ostküstenstreber, seit sie den Hit „Cape Cod Kwassa Kwassa“ landeten, inspiriert von einen kongolesischen Tanz der 80er Jahre. Mit Paul Simon hat man sie verglichen, der sich für sein Spätwerk afrikanische Musiker zur Hilfe holte. Der Unterschied ist, dass Ezra Koenig die rasant gezupften westafrikanischen Gitarrenläufe beherrscht und die Weltmusikanleihen mit gut gelauntem Pop zu etwas Selbstverständlichem verschmelzen: Es ist ein Sound, der wie Gold glänzt, selbst wenn Drummer Chris Tomson im Obama-T-Shirt zwischendurch auf Punkgeschwindigkeit beschleunigt. Philipp Lichterbeck

POP

Nirvana

auf Äther

Da steht er nun in der ausverkauften Volksbühne: ein 47-Jähriger mit grauen Haaren, Jogginghose und XXL-T-Shirt, der mit hoher Fistelstimme und unkontrolliert zitternden Armen ein naives Lied singt. Daniel Johnston ist die Antithese zu einem Popstar. Und zwar nicht wie Antony Hegarty, bei dem die Stimme eines Engels im „unpassenden“ Körper steckt. Sondern ganz fundamental: Johnston ist seit Jahrzehnten psychisch krank, und die Spuren seines Leidens finden sich nicht nur in seinen Liedern, die als authentische Äußerungen einer verletzten Seele verehrt werden. Wenn er sich mit rhythmisch instabilem Klavier- oder Gitarrenspiel begleitet und sein Gesang in höheren Lagen wegbricht, ist dies kein Kunstgriff eines genialen Dilettanten, sondern das existenzielle Ringen eines versehrten Genies. Daniel Johnston würde bestimmt gern so schön singen wie die Beatles, deren „Help“ er schaurig schief covert. Zum Glück wird er hier wie beim Großteil der Stücke vom John Dear Mowing Club begleitet. Mit Schlagzeug, Kontrabass und E-Gitarre rumpeln die drei Holländer in Cowpunk-Manier los und verbessern die Statik der zerbrechlichen Songs. Plötzlich wirkt der Gesang kraftvoll, die Hände beruhigen sich. Aber es ist nur das Atemholen vor einem Finale, das einem die Kehle zuschnürt: Dem wie Nirvana auf Äther klingenden Rocker „Psycho Nightmare“ folgt das grenzenlos traurige „True Love will find you in the End“. Und dann kommt Johnston nochmal zurück und singt ohne Begleitung das unfassbare „Devil Town“, in dem all seine Freunde Vampire sind, und er selbst ist auch einer. Schneuz, Taschentücher zücken, minutenlange Standing Ovations für den tragischsten aller Songwriter. Ohne seine Lieder wäre die Welt ärmer.Jörg Wunder

KLASSIK

Liebe

und Furor

Auch wenn man sich die Ohren zuhalten würde, könnte man sie spüren: die gelassene Intensität, mit der Emmanuelle Haim ihr Ensemble Le Concert d'Astree leitet. Zwischen Cembalo und Orgel wippt ihr voller roter Schopf hin und her, herausfordernd und Vertrauen spendend, immer angetrieben von Neugier. Die Eleganz, die Haim und ihre Musiker auf Einladung der Berliner Philharmoniker in den Kammermusiksaal bringen, ist Ausdruck eines traumhaft gesteigerten Reaktionsvermögens. Gibt man nun endlich die Ohren frei, dann erlebt man einen Händel voller Grazie und lichter Pracht. Die beiden italienischen Kantaten auf den Pulten vereinen auf engstem Raum, was der noch junge Komponist im Mutterland der Oper an Erfahrungen aufsog. Es sind Musikdramen en miniature, die Haim mit ihren Gesangssolisten Sandrine Piau und Nathan Berg in Szene setzt, gespeist vom Furor der Liebe und einem göttlichen Funken Ironie. Im „Delirio amoroso“ entführt Piaus Sopran mit treffender Künstlichkeit in die Wahnvorstellung einer Liebenden, malt eine mythische Gegenwelt der Berührung aus, die es wohl nie gegeben hat. Gemeinsam im Elysium, ein süßer Traum. Nathan Berg wagt sich als omnipotenter Gott Apoll weit an vokale Komik und die Nymphe Daphne heran – und gewinnt unter Tränen einen Lorbeer. Er gebührt allen auf dem Podium. Ulrich Amling

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