Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Frühling im Herbst

Brahms gehört zum Schatz der Berliner Philharmoniker. Man denke an die Siege Abbados, die mit Brahms begannen. Jetzt setzt sich Simon Rattle mit sämtlichen Symphonien in einem Zyklus auseinander, der widersprüchlich begonnen hat. Diesmal dirigiert er in der Philharmonie die Zweite (wieder an diesem Freitag): Wege zu Brahms, „der Fortschrittliche“ will Schritt für Schritt erobert sein. Im ersten Klavierkonzert, das auch eine Art Symphonie ist, klingt das Fortissimo vor allem kompakt. Der Pianist Lars Vogt verfügt nicht über den nötigen Löwengriff. Aber es gibt lyrische Glücksmomente, in denen er mit den Holzbläsern konzertiert und sich ganz zurücknimmt, wenn marcato, ma dolce das Horn einsetzt.

Die solistische Kantabilität von Stefan Dohr, der Sonderapplaus erhält, inspiriert auch die Symphonie. Dass Rattle das Orchester zu „dionysischem Jubel“ anfeuern kann, ist klar. Aber die Philharmoniker kommen ihm entgegen, wenn es um Übergänge geht, um die nachdenklichen Momente. Die Coda des Kopfsatzes gelangt in feinen Wechseln zum Pizzikato-Schluss, dessen Zitat als Motto der Interpretation gelten kann: „Es liebt sich so lieblich im Lenze.“ Sybill Mahlke

POP

Wasser in der Wüste

Das erste bedeutende Afrobeat-Konzert in Berlin fand 1978 statt – und war ein Desaster: Fela Kuti wurde ausgebuht, weil sich die Zuschauer am autoritären Bühnengebaren des Nigerianers störten. Fraglich, ob ihnen 30 Jahre später sein Sohn Femi Kuti besser gefallen hätte. Der hält im Kesselhaus straff die Zügel seiner 13-köpfigen Positive Force. Der 46-Jährige hält flammende Appelle gegen die Ausbeutung des schwarzen Kontinents, geißelt die Verkommenheit der Politkaste seiner Heimat. Rap-Passagen wechseln mit Falsettgesang, dazwischen traktiert er Orgel und Altsaxofon. Fünf fantastische Bläser dürfen ihr solistisches Talent andeuten, mehr Auslauf bekommt nur der Gitarrist, dessen gleißende Funk- und Jazz-Läufe das polyrhythmische Fundament der oft zehnminütigen Songs aufbrechen. Der brodelnde Afrobeat von Femi Kuti hat wenig gemein mit dem Studenten-Afropop von Vampire Weekend. Wo letztere zwei Tage zuvor an gleicher Stelle gerade mal auf halbe Proseminarlänge kamen, zuckt nun zweieinhalb Stunden lang die Afrobeat-Karawane unter der Knute ihres Einpeitschers, zum Wohlgefallen des Publikums. Die Zeiten ändern sich. Jörg Wunder

KLASSIK

Glitzern im Brunnen

Beim Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters schien Dirigent Jun Märkl alle Interpretationen von einem Werk abzuleiten, von Saint-Saens’ 5. Klavierkonzert. Ein von klassizistischem Esprit getragenes, für den pausenlos beschäftigten Pianisten sportives Stück. Jean-Yves Thibaudet spielt es am Dienstag in der Philharmonie sachlich, umstandslos. Seine musikalische Intelligenz resultiert aus souverän beherrschter Technik.

So geht Märkl auch Marius Constants Orchesterparaphrase zu Debussys „Pelléas“-Oper und zu Schönbergs Symphonischer Dichtung „Pelléas und Mélisande“ an. Der Plan will nicht gänzlich gelingen, liegt der Impressionismus bei dieser Konzeption doch im toten Winkel. Stets auf sukzessives Fortspinnen statt auf Flächigkeit setzend, passt Märkls athletisches Vorwärtsdrängen am ehesten zum jungen Schönberg, dessen Musik bei aller Raffinesse plastisch und narrativ bleibt. Auch braucht Märkl in der komplexen Orchesterpolyphonie keine „deutsche Innerlichkeit“ zu inszenieren – zur Innerlichkeit gelangt er trotzdem. Dann schwelgt die Liebesmusik, schneidet das Schicksalsmotiv, glitzert der Brunnen, in den Mélisande ihren Ring versenkt. Matthias Nöther

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