Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

OPER

Das Lied

des Mondes

Die Liebe im modernen Griechenland, so erfahren wir von dem englischen Komponisten Harrison Birtwistle, ist mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Denn es droht ein unverhoffter Einbruch in die Tiefen der dort immer noch gegenwärtigen Mythologie. So muss ein Liebespaar in der 2004 uraufgeführten Kammeroper The Io Passion erleben, wie eine intensive erotische Begegnung, die leider nicht einvernehmlich endet, die beiden langsam, aber sicher in einen mit antiken Figuren bevölkerten Albtraum hineinzieht.

In sorgsam abgestuften Handlungszyklen sieht man das Paar zunächst Alltagsverrichtungen nachgehen. Die Frau gerät mehr und mehr in den Bann der Sage um die Mondgöttin Io, die von Zeus begehrt, bestiegen und dann in eine weiße Kuh verwandelt wird, um sie vor der Göttergattin Hera zu verbergen. Das alles zeigt die Berliner Kammeroper im Werner-OttoSaal des Konzerthauses auf einer einfachen, aber zweckmäßigen Bühne, Regisseur Kay Kuntze schafft mit wenigen Kostümwechseln einen steten Fluss der sich durchdringenden Handlungsebenen. Und die mit Klarinette und Streichquartett schlank besetzte Bühnenmusik zeichnet die Zyklen mit Anreicherungen, Überlagerungen und kurzen Zwischenspielen nach, die Klarinette glänzt mit feinen melodischen Kommentaren zu den Gesangspartien. Am Ende erntet Clayton Nemrow, der Darsteller des Zeus, den meisten Applaus – das Bedürfnis nach Archaik scheint ungebrochen. Ulrich Pollmann

ARCHITEKTUR

Die Form

der Wolke

Er sei ein barocker Architekt, erklärt Adolf Krischanitz in breitem Wienerisch. Eine listige Bemerkung. Sie will sagen: Seht her, ich habe es auf den Berliner Schlossplatz geschafft. Und kann es dort locker mit Andreas Schlüter und seinen Schlossfassaden aufnehmen, auch wenn ich euch nur eine Temporäre Kunsthalle hinterlasse. Am 29. Oktober wurde die Kunsthalle eröffnet, gut eine Woche später trifft man sich zum ersten Podiumsgespräch. Künftig sollen sie jeden Freitagabend stattfinden (Informationen unter www.kunsthalle-berlin.com). Thema des von Tagesspiegel-Redakteur Bernhard Schulz moderierten Abends, nach einem Zitat von Ludwig Wittgenstein: „Eine Wolke kann man nicht bauen.“ Doch über die Wolke, den mit Krischanitz konkurrierenden Kunsthallen-Entwurf des Berliner Architekturbüros Graft, wird erfreulicherweise so wenig gesprochen wie über das Humboldt-Forum. Nur Philipp Oswalt, der die Zwischennutzung des Palastes der Republik miterdachte, kann sich den Seitenhieb aufs Schloss nicht verkneifen. Ansonsten viel Nachdenken über Baumasse, Materialität, den einzig richtigen Standort des Kunsthallenprovisoriums. Und über die Fassadengestaltung des Künstlers Gerwald Rockenschaub, der für seine gemalte Wolke auf der Kiste „eine Grenzsituation zwischen Werbung und Kunst“ reklamiert. Die Kunsthalle als Kunsthülle: ein wahrhaft barockes Paradox. Hoffentlich noch lange. Michael Zajonz

POP

Das Auge

des Sturms

Brüder haben in Rockbands oft ein spezielles Verhältnis zueinander. Die Streitigkeiten der Gallaghers bei Oasis sind legendär, und auch bei Supergrass scheint unter den Gebrüdern Coombes nicht eitel Sonnenschein zu herrschen. Gaz ist Bandleader der in den Neunzigern erfolgreichen Britpopper aus Oxford, wogegen der vier Jahre ältere Rob als Keyboarder Ergänzungsmitglied blieb. Charly ist mit 27 der Jüngste und das Enfant terrible: Während die übrigen vier Supergrassler im Postbahnhof engagiert zu Werke gehen, dengelt er lustlos auf Kuhglocken rum, schrubbt nachlässig Gitarrenakkorde und missachtet konsequent das Rauchverbot. Allerdings macht sich sein aufsässiger Gestus ganz gut, lässt er doch das Treiben der anderen heroischer erscheinen. Vor allem Gaz wirft sich als Sänger und Gitarrist so ins Zeug, dass ihm bald der Schweiß vom Kinn tropft.

Supergrass-Songs sind krachende Energieentladungen, die auf klassischem Sixties-Britpop von Kinks und Small Faces aufbauen. Gaz’ Gesang ist krächzend verstimmt, was älteren Stücken wie „Moving“ oder „Pumping on your Stereo“ etwas melodische Politur nimmt. Die zusätzliche Bearbeitung mit der BluesrockDrahtbürste verleiht ihnen eine dunkle Attraktivität. Ihren größten Hit spielen Supergrass nicht: „Alright“ war 1995 der „We are young“-Aufbruchsschrei, er gilt 13 Jahre später nicht mehr. Aber trotz sinkender Zuschauerzahlen brauchen sie den Vergleich mit der nächsten BritpopGeneration nicht zu scheuen. Nach 75 stürmischen Minuten tankt sich Danny Goffey durch sein Schlagzeug und taumelt mit den anderen von der Bühne. Well done, Lads! Jörg Wunder

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