Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Nebelbänke

über dem Bach

Was verrät es über einen Pianisten, wenn er das rechte Pedal seines Flügels mit Hingabe tritt? Will er, wenn alle Dämpfer hinweggehoben sind, seine Musik größer klingen lassen, bedeutender? Soll sich im Verwischen der Klänge eine besonders zarte Auffassung der Komposition ausdrücken? Oder schwingt auch die Hoffnung mit, im Diffusen mögen sich Spuren von technischen Unzulänglichkeiten einfach auflösen? Hélène Grimauds Klavierabend in der Philharmonie ist eingehüllt in das Geheimnis des Klangnebels. Wie sie ihn entfacht, will ihr Publikum ganz genau mitansehen. Nie hat man an der Kasse so leidenschaftliche Verhandlungen um den besten Blick auf einen Solisten erleben können. Das Magnetische der 39-jährigen Musikerin, das Manische auch, bestimmt einen bedeutenden Teil ihrer Attraktivität. Das Wissen um den möglichen Absturz, verbunden mit einer Sehnsucht nach Tiefe. An all das rührt Grimauds neue CD mit Werken von Bach und romantischen Bach-Bearbeitungen, die den Kern des Programms bildet. Und dann steht sie auf dem Pedal, hakt sich dort förmlich fest. Busonis Version der Bach-Chaconne BWV 1004 etwa wuchert dadurch fast undurchhörbar aus – und wirkt im musikalischen Halbschatten plötzlich nur noch halb gemeistert. Ein beunruhigendes Moment von ersehnter Überwältigung und vorauseilender manueller Ohnmacht. Doch Tiefe lässt sich nicht erzwingen. Vielleicht war deshalb die eingeschobene Beethoven-Sonate op. 109 ein Lichtblick: Ihr beinahe schon improvisatorischer Furor drängt hinaus ins Leben. Und das (Brems-)Pedal hat einmal frei. Ulrich Amling

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