Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Erst Biedermänner,

dann Zerstörer

Zwei liebenswerte, naiv verschrobene Kerle stürzen einen idyllischen bäuerlichen Alltag ins Chaos. Diese Farce von Sean O’Casey mit dem Titel „Das Ende vom Anfang“, die 1937 in Dublin uraufgeführt wurde, besteht aus einem Feuerwerk tolldreister Einfälle – und viel grimmigem Hohn. Wer zu viel Übermut zeigt, fordert das Schicksal heraus. Aber nicht dieser Hintersinn interessiert Benjamin Knight, der den Einakter auf der Vaganten-Bühne inszeniert hat. Bedächtig und ruhig zeigt er, wie zwei Freunde ihren häuslichen Alltag meistern, während die Bauersfrau draußen die Wiese mäht.

Es gibt in der Aufführung keine schnelle, schicksalhaft unaufhaltsame Zerstörung von Wohnstube und Lebensumwelt als Folge einer unverbrüchlichen Männerfreundschaft, sondern ein fast langsames Vorbereiten und Auskosten immer neuer kleiner Unglücksfälle. Auch auf die atemlose Geschwindigkeit, mit der alle Biederkeit und Normalität verschwindet, verlässt sich der Regisseur nicht. Er will das ernsthafte Bemühen der Bauern Derrill und Berrill zeigen, mit ihrer Aufgabe zurecht zu kommen.

Reinhard Scheunemann und Jürgen Bierfreund führen deshalb die gründliche Überlegung vor, mit der die Freunde jedes Missgeschick so sorgfältig wie möglich vorbereiten und ausführen. Scheunemann zeigt den kräftigen, „halsstarrigen“ Barry mit großer, raumgreifend rudernder Gestik und rührender Begriffsstutzigkeit. Das ist einer, dem keiner die Überzeugung von der Unterlegenheit der Frau (Anette Daugardt) nehmen kann. Bierfreund vertieft sich mit stoischer Freundlichkeit in den kurzsichtigen Nachbarn Darry, zeigt eine witternde, suchende Neugier, die das rundlich rote Gesicht selbst im Schreck noch überglänzt. Auf die Bühne hat Tom Presting mit spürbarer Liebe und Sorgfalt all das Gerät einer bäuerlichen Stube aufgebaut, das dann in neunzig Minuten wohlberechnet zerstört wird. Solidität auch hier, nicht mehr, nicht weniger. (Aufführungen am 13. und 14. November und vom 16. bis 19. Dezember).Christoph Funke

POP

Erst Kumpels von nebenan,

dann Stadionrocker

Schon nach wenigen Minuten musste der Vorverkauf für das „exklusive Klubkonzert“ der Killers wieder eingestellt werden. Dementsprechend sind im Kesselhaus hauptsächlich treue Fans, die das Quartett aus Las Vegas euphorisch begrüßen. Sänger Brandon Flowers, spargeldünn und frisch rasiert, besitzt die nötige Dosis an sexuell ambivalenter Ausstrahlung, um den testosteronlastigeren Rest der Band auszubalancieren. Eigentlich wirkt Flowers wie ein Fremdkörper: Mit 27 ist er nicht nur der jüngste, er scheint auch aus einer ganz anderen Ecke zu kommen. Bei den anderen könnte man sich vorstellen, wie sie früher zusammengehockt und bärtigen Indierock gehört haben – und dann kam immer dieser Typ mit seinen Pet-Shop-Boys-CDs vorbei.

Jetzt tigert Flowers wie aufgezogen über die Bühne, unentschlossen zwischen scheuer Nerd-Attitüde und der Extrovertiertheit des selbstbewussten Frontmanns, dessen Band zehn Millionen Platten verkauft hat. Gitarrist Dave Keuning wiederum hält unbeirrbar an seinem Brian-May-Komplex fest: Er hat den Queen-Saitenquäler nicht nur in Sachen lockiger Haarpracht zum Vorbild erkoren, sondern bedient sein Arsenal an Gitarren und Effektgeräten auch mit vergleichbar eitlem Gepose. Dabei sind die meisten Songs strukturell gar kein Gitarrenrock, sondern eher an New Order geschulte Club-Stampfer mit stadiontauglichen Refrains. Die geschickt eingestreuten Stücke des neuen dritten Albums suchen noch konsequenter den Weg auf die Tanzfläche oder mäandern in sonnigen Westcoast-Grooves dahin.

Aber die Killers wissen, was sie ihren Fans schulden: Hits. Von den Hymnen „Somebody told me“ und „Mr. Brightside“ bis zu den Bombastrock-Brechern des zweiten Albums spannen sie einen 75-minütigen Bogen, der das tanzende, wogende, mitsingende Publikum begeistert zurücklässt. Jörg Wunder

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