Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Das erste

Mal

Wer etwas lernen will, muss Risiken eingehen. Sich in unbekanntes Terrain vortasten, sich nicht durch Sackgassen entmutigen lassen. Simon Rattle ist so ein Suchender. Er weiß, dass manchmal erst nach Umwegen Außerordentliches geschieht. Er hat Zeit und viele Anläufe gebraucht, um die kompletten Brahms-Symphonien mit seinen Berliner Philharmonikern aufzuführen. Diese Herzensstücke des Orchesters, Glanzstunden unter Karajan wie unter Abbado, mied Rattle zunächst. Der neue Berliner Brahms blieb eine der schönsten Verheißungen des Konzertbetriebs, eine Utopie.

Nun folgt in der Philharmonie die geballte Ladung Realität: dritte und vierte Symphonie an einem Abend, der keinen erlösenden Triumph kennt. Rattle ist kein intuitiver Brahmsversteher, er macht daraus keinen Hehl. Seiner unendlich zarten Annäherung an die Dritte öffnet sich diese immer nur kurz, schamhaft fast. Die tastende Balance zwischen Blech und Streichern zu Beginn, das verhaltene Andante und ein Poco allegretto, das nicht weiß, welche Ahnungen in ihm mitschwingen. Ein echtes erstes Mal. Intime Augenblicke provozieren ein Zögern angesichts des unüberschaubaren Neulands. Die Vierte klingt zunächst gefasster, rauscht selbstbewusster auf. Doch ausgerechnet im Finalsatz, diesem architektonischen Wunder, entdeckt Rattle ein elementares Schwindelgefühl. Sein Brahms ist keine bärtige Büste, an die man sich klammern kann. Die Suche geht gerade erst los. (noch einmal an diesem Freitag, 20 Uhr) Ulrich Amling

KLASSIK

Verkennen Sie

die Melodie!

Das ist der Vorteil am Improvisieren, sagt Gabriela Montero: dass man Wein dabei trinken darf. Die venezolanische Pianistin lässt sich im Konzertsaal Melodien vorsingen, nimmt einen Schluck, denkt kurz nach – und legt los. Schöner Moment: die Stille im Saal, bevor die für ihre Spontan improvisationen berühmte Martha-Argerich-Schülerin die „Star Wars“-Titelmusik in Mozart verwandelt, aus Bachs „Air“ einen Ragtime zaubert oder Stevie Wonder und Ravel kurzschließt. Verkennen Sie die Melodie: Gabriela Montero zählt nicht zu den aufregendsten Musikerinnen dieser Tage (ihr Bach vor der Pause bleibt überzuckert und schludrig). Aber das Zeug zur besten Barpianistin der Welt hat sie. Die Musikgeschichte, eine Jukebox. Wer lange genug hineinhorcht, entdeckt, dass alles miteinander verwandt ist, „Alla Turca“ und der Tango, Beethoven und die Habanera, Bach und Bebop. Zwar ist Monteros Repertoire begrenzt, einen Schlager nach Anton-We bern -Art hat sie nicht drauf. Aber ihr Potpourri aus barocken Affekten, lateinamerikanischen Rhythmen und impressionistischer Harmonik legt doch das Unbewusste der Musik frei, den zur Floskel geronnenen Epochenstil. Écriture automatique einer Tastenlöwin. Das begeisterte Publikum verzeiht ihr bereitwillig, dass sie Miriam Makebas „Pata Pata“ nicht kennt. Heute ist Montero selbst der Hit. Christiane Peitz

ELEKTRO

Im Staube

Babylons

Vor 35 Jahren war Klaus Schulze ein Pionier der elektronischen Musik im Siebziger-Look: Rückenlanges Haar war erste Krautrock-Pflicht. Im ausverkauften Schillertheater könnte der fesch frisierte 61-Jährige mit seinem cremefarbenen Jackett auch der Kapellenleiter eines Kreuzfahrtschiffs sein. Im Drehstuhl rollert er zwischen den Synthesizern herum und dreht mal hier an einem Knöpfchen, drückt mal dort ein paar Tasten. Das erste, gut halbstündige Werk ist noch ein Herantasten. Wenigstens schält sich der charakteristische, wie ein Güterzug klingende Sequenzerbeat aus dem Gewaber.

Nach der Pause gewinnt das Konzert an Kontur – dank Lisa Gerrard, die zu Schulzes Soundbasteleien singt. Aber was heißt singen: Mit der Anmut einer Elfenkönigin formt die Australierin Töne, die sich zu Melodien und Wortfetzen fügen. Sie artikuliert wie in einem babylonischen Urdialekt. Befreit von den Fesseln der Songstruktur schwingt sie sich zu den Sternen empor und wälzt sich im Staub einer jahrtausendealten Kulturgeschichte. Schulze formt dazu kraftvolle, filigran modellierte Klanglandschaften. Das subtile Gleichgewicht von Stimme und synthetischen Tönen addiert sich zu Zwischenweltmusik. Nicht jedem gefällt das, einmal werden vernehmlich die Türen geknallt. Die Mehrzahl aber spendet warmen Applaus, den Klaus Schulze erwidert: „Liebe Freunde, ich liebe euch.“Jörg Wunder

POP

Geflügeltanz

mit Soße

Lila Downs ist eine Grenzgängerin zwischen Süd- und Nordamerika. Und den musikalischen Stilen. Die Mutter Mexikanerin, der Vater aus den USA. Ein Leben zwischen den Eltern, zwischen den Kulturen. Im Kesselhaus klopfen Schlagzeug und Congas einen lateinamerikanischen Rhythmus vor, zum Song eines Engländers: Peter Green, dessen „Black Magic Woman“ Carlos Santana mexikanisiert hatte. Wie auch jetzt Lila Downs, mit dem Akzent auf Posaune und Tenorsaxophon. Wobei sie mit angeknüpperten Papierzöpfen, im Röckchen und mit Netzstrümpfen hochhackig über die Bühne stiefelt. Sie wechselt in einen mexikanischen Walzer mit Akkordeon begleitung, zwischen Melancholie und Fröhlichkeit. Cucaracha-Reggae, spanischer Rap, eine Soul-Ballade im Sechsachteltakt. Geflügeltanz zum „Chicken“- Song.

Das Kesselhaus wird zum Hexenkessel. Alles wogt und dreht sich. „La Cumba del Mole“ ist ein gesungenes Kochrezept. Lila rührt alles zusammen. Folklore, US-Pop, Cha- Cha-Cha, Rumbas, Samba und Klezmer – Karneval der Kulturen. Doch fehlt der Soße Schärfe, die besondere Würze. Die Dramatik in Lilas Stimme zwischen Raspeln, Soubrettenhaftigkeit und singender Säge wirkt gelegentlich kalkuliert, wie auch der Frohsinn und die Tänzeleien. Der Ausdruck lässt mehr an durchgearbeiteten Gesangsunterricht denken als an durchgemachtes Leben. H.P. Daniels

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