Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Udo Badelt

OPER

Singen können

wir auch

Was wäre, wenn ein Zaubertrick die Rollen vertauschte? Wenn Papa in die Schule muss und der Sohn ins Büro? Dann würden beide merken, dass es der andere auch nicht gerade leicht hat – eine schöne Grundidee für Die getauschte Schule, der jüngsten Uraufführung der Neuköllner Oper für Menschen ab acht Jahren. Die wesentlichen Elemente stammen von Kindern. Den Text hat Sim Gündüzkanat, der zehnjährige Sohn von Regisseur Bernhard Glocksin, mit Hilfe seines Vaters geschrieben. Die Musik hat die heute 23-jährige Sinem Altan, Absolventin der Musikhochschule Hanns Eisler, zwischen ihrem 7. und 13. Lebensjahr komponiert. Sie interpretiert ihre Musik auch selbst am Klavier. Ihre zärtlich flimmernden Stücke sind voller repetierender Figuren und doch nie langweilig. Mal erinnern sie an Erik Satie, mal springen sie den Hörer expressiv an. Stets schaffen sie Atmosphäre und malen die Gefühle der drei Protagonisten.

Leider füllt ausgerechnet Christian Rodenberg, der die Figur des Sohnes spielt, seine Rolle nicht aus. Bei Jaron Löwenberg als unrasierter Macho-Vater mit weichem Kern spürt man dagegen: Hier will jemand die Bühne erobern. Großartig ist Dagmar Hurtak-Beckmann in der Doppelrolle der Lehrerin und strengen Chefin, bei der man schon lachen muss, bevor sie ein Wort gesagt hat. Gesanglich allerdings enttäuschen alle drei. Die Töne werden getroffen, aber auch nicht mehr. Das ist schade, denn damit wird der Kern allen Musiktheaters, an das die Kinder herangeführt werden sollen, verfehlt. (Wieder am 19. und 20.11. und am 9.–11.12. (10.30 Uhr), am 16.11. (11 Uhr) und am 23., 29./30.11. und 6./7., 13./14., 20./21., 27./28. Dezember (15 Uhr)) Udo Badelt

POP

Aufbrezeln können

sich andere

Der Berliner macht sich ungern fein. Auch nicht bei Anlässen, die das eigentlich nahelegen. Konzerte von Róisín Murphy zum Beispiel: Tritt die britische Queen of the High Heel in anderen europäischen Metropolen auf, wetteifern die Zuschauer darum, wer ihren flamboyanten Bühnenoutfits die originellste Stilbekundung entgegensetzen kann. Nicht so der Berliner. Hierzustadte begnügt man sich mit ein, zwei lustigen Accessoires: Sonnenbrille, Hut, Krawatte, was halt gerade noch im Schrank war. Uffbrezeln sollen sich andere. Murphys hochfrequente Kostümwechsel – zwölf in zwei Stunden! – werden trotzdem frenetisch bejubelt, wie die Irin das ausverkaufte Huxleys überhaupt bestens unter Kontrolle hat und sich gegen Ende sogar minutenlang auf Händen durch den Saal tragen lässt.

Der überdrehte Disko-Pop ihres aktuellen Albums „Overpowered“, in Szene gesetzt mit vierköpfiger Band und zwei Backgroundsängerinnen, elektrisiert im Konzert so zuverlässig wie auf Platte, wobei Murphy live den Weirdness-Faktor noch ein ganzes Stück hochschraubt: Selbst einige der ganz alten Stücke, Relikte aus Murphys eigentlich viel experimentierfreudigeren Moloko-Tagen, hat man selten in dermaßen hyperventilierenden Arrangements gehört. Das Finale: Ein kariertes Plüsch-Reh um die Schultern geschlungen, liefert sich Murphy mit ihren pink bepelzten Backgroundsängerinnen eine minutenlange Verfolgungsjagd quer über die Bühne. Umwerfend albern. Jens Mühling

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