Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens HinrichsenD

KUNST

Blitze und

Schusswunden

Auch Pippi Langstrumpf liebte das Spiel, bei dem man den Boden nicht berühren darf: Mühsam robbt Lucy Gunning im weinroten Ballkleid über Regale und Heizkörper ihres Ateliers, Wandhaken und Nägel nutzt sie als Steigeisen. Passend präsentiert der Neue Berliner Kunstverein ihr Performance-Video „Climbing Around My Room“ (1993) auf einem hoch geständerten Monitor. Über 30 Künstler sind in der Gruppenschau Conceptual Art From California vertreten, darunter Stars wie Bruce Nauman, Garry Hill oder Bill Viola (Chausseestr. 128/129, bis 23.11., Di–So 12–18, Do 12–20 Uhr), deren Videoarbeiten aus der Sammlung des NBK stammen. Doch es gibt auch weniger Bekanntes wie „Lightning“ (1976) von Marlene und Paul Kos. Die Protagonistin des Videos sitzt während eines Gewitters im Auto. Sie behauptet, Blitze am Himmel erschienen nur, wenn sie nicht hinschaut: ein Lehrstück über Irrtum, Illusion und magisches Denken. Zum Um-die-Ecke-Denken animiert auch Ingo Gerken mit seiner Installation „Hole“ (2008), deren Ausgangspunkt das Foto einer Performance aus dem Jahr 1971 ist, bei der sich Chris Burden in den Oberarm schießen ließ. Wie aus der fotografierten Schusswunde das Loch einer von Gerken gebauten Camera Obscura werden kann? Wie hier neues Licht auf ältere Konzepte geworfen wird? Das verraten wir nicht, wir sind ja keine Spielverderber. Jens Hinrichsen

TANZ

Kindliche Monster und

furchtsame Wichte

Agu ist zehn – und er ist Kindersoldat. In seinem Roman „Beasts of No Nation“ beschreibt der nigerianischstämmige US-Autor Uzodinma Iwaeala die Gräuel des Krieges aus der Sicht eines Jungen, der zum Töten abgerichtet wird – ein Monster mit Machete. Der belgische Regisseur Alain Platel hat nun mit dem Künstler Benjamin Verdonck und der „Rosas“-Tänzerin Fumiyo Ikeda den harten Stoff auf die Bühne gebracht.

„Nine Finger“ im HAU 2 erzählt konsequent aus der Innenperspektive des traumatisierten Kindes. Wenn Verdonck in die Haut von Agu schlüpft, bemalt er aggressiv-entschlossen sein Gesicht und seinen Oberkörper mit schwarzer Farbe. Als tapsiger Junge in kurzen Sporthosen schreit er seine Erzählung ins Mikro – atemlos, gehetzt. Wie von Sinnen berserkert Verdonck über die Bühne. Ein gepeinigter Peiniger: Seine Wahrnehmung ist schmerzhaft geschärft, sein Körper fühlt sich fremd an, das Erinnern wird ihm zur Qual. Beide Performer schildern die Grausamkeiten in einer kindlichen Kunstsprache. Doch dieser naive Blick macht die Perversität des Krieges noch schockierender. „Nine Fingers“ wirkt wie ein brutal-überdrehter Comicstrip – mit lauten Attacken, verdrehten Gliedern und einer teils wahnwitzigen Komik. Manchmal macht Verdonck sich ganz klein – ein Wicht in einem orangefarbenen Cape, der ganz starr ist vor Furcht. Zittern und Zähneklappern: „Nine Finger“ ist ein verstörender Abend. Sandra Luzina

POP

Räuberbanden

und Wüstenhunde

Normalerweise müsste es im Lido entsetzlich stinken. Nach Alkoholfahnen, nach nassem Straßenköterfell. Die Cold War Kids aus Kalifornien sind zurückgekommen, mit ihrem abgehangenen Räuberbandenrock, durch den Dostojewski’sche Trinker, Spieler und Verbrecher streunen. Mit Reinhard Mey gesprochen: Erbarmen, Musikanten sind in der Stadt.

Die Herren sind eigentlich gut situierte Mittelstandskinder – vielleicht bringen sie gerade deshalb ihre Outlaw-Romantik so packend rüber. Bob-Dylan-gesättigter Bluesrock mischt sich mit der wilden Kakophonie der Hardcore-Dischord-Legende Fugazi zu einem lässig zurückgelehnten Sound, der an allen Enden ausfranst. Der hagere Matt Maust schlurft seinem tief hängenden Bass hinterher wie ein schwitzender Hund seiner Zunge und walkt kernig knarrende Töne aus. Gitarrist Jonnie Russell, der einen warmen Seventies-Sound spielt, findet noch in jeder Ecke Rasseln und Weinflaschen, um das polternde Schlagzeugspiel von Matt Aveiro zu ergänzen. Und Sänger Nathan Willet tigert zwischen Orgel und E-Piano hin und her, pumpt seinen breiten Oberkörper am Mikrofon auf und entwindet sich konsequent danebenliegende Wüstenhundgesänge. Die drei streifen um einander, lauern sich auf, wuscheln sich gegenseitig durchs Haar, verkeilen sich. Das ist von so großer Konzentration und Körperlichkeit, dass man glauben könnte, die Musik entstünde gerade erst.

Zu „Robbers“, das ist schon ein Ritual, lassen die Cold War Kids die Lichtkegel von Taschenlampen durch den dunklen Saal wandern. Netter lassen sich Fanherzen kaum knacken. Kolja Reichert

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