Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Silvia Hallensleben

FILM

Ich bin dann mal

vorher weg

Coline Serreaus „Saint Jacques – Pilgern auf Französisch“ hat auch in Deutschland Hunderttausende ins Kino gelockt. Nächstes Jahr soll auch Hape Kerkelings Pilger-Bestseller verfilmt werden. Dem ist Gerald Koll mit einem filmischen Selbstexperiment zuvorgekommen, das die große Unternehmung im Miniaturformat spiegelt. Gut, der Weg ist ein anderer: Statt der üblichen Jakobsroute folgt Koll dem Hachijuhakkasho, der als ältester Pilgerweg der Welt auf 1300 Kilometern die japanische Südinsel Shikoku umkreist. Unzählige Buddhisten mit breitkrempigen Pilgerhüten und Stock sind auf dem „Weg der 88 heiligen Stätten“ – so die Übersetzung des H-Worts – unterwegs. Auch Kerkeling hatte sich ja als „Buddhist mit christlichem Überbau“ bekannt. Koll ist nur neugieriger Fremder, der sich ins Unbekannte aufmacht.

Die religiöse Unbedarftheit ist erfrischend: Schließlich ist das Fremdsein das Urgefühl des Pilgerns. Koll macht es zur Grundstimmung seiner Selbstbefragung, die ihren Humor auch aus missglückten Verständigungsversuchen mit den Fremden speist. Japanisch spricht er nicht. Nur wenige der Japaner können Englischen. Unverzagt fragt Koll dennoch immer wieder nach dem „henro boke“, dem Zustand, der durch das japanische Pilgern erreicht werden soll, und versinkt dabei immer tiefer im Lost-in-Translation Syndrom. Immer wieder verirrt er sich zwischen den 88 Tempeln. Dann verweigert auch noch die Kreditkarte den Dienst.

Dass der Filmemacher Erkenntnise fortwährend wortreich begleitet, gehört wohl zum Pilgerbericht, nervt aber auf die Dauer. Hat man sich einmal an die flapsig geschwätzige Tonlage gewöhnt, lassen sich dem Geplapper durchaus Erkenntnisse abgewinnen. Dabei mischen sich zwischen ernsthafte Einsichten auch Banalitäten: etwa, wenn Koll, der auch als Filmkritker tätig ist, die Authentizität seiner Pilger-Doku befragt: „Kaum bin ich Pilger, überlege ich, wie ich das vermitteln kann. Filme ich, denke ich: Eigentlich bis du doch Pilger. Fatal! Die Kamera verändert die, die mit mir sprechen. Mich selbst auch.“

Das ist durchaus unterhaltsam, aber nicht wirklich befriedigend: Doch vielleicht kommt Koll ja einfach zu früh mit seinem Film, und die Bedeutung seines Produkts lässt sich erst ermessen, wenn Kerkeling mit seinen Pilgererfahrungen in die Kinos kommt. Vielleicht sehnen wir uns heftig zurück nach Kolls vorgegriffener Parodie. Silvia Hallensleben

Acud, Cinemaxx Potsdamer Platz, fsk am Oranienplatz, Tilsiter-Lichtspiele.

KUNST

Die Liebe

zu den Tieren

„Lieblingsmilchproduktionseinheiten“. Der Titel sagt alles. In der Massentierhaltung ist es ein gelber Chip im flauschigen Kuhohr, der das eine Tier vom anderen unterscheidet: Mit Hilfe dieser Marke erfasst der Bauer, wie viel Liter Milch Kuh 68 abgegeben hat. Diese Marke reduziert die komplexe Realität lebender Dinge, sagt Almut Linde. Deswegen bat sie den Milchbauern, im Massenbetrieb seine Lieblingskuh zu identifizieren. Mit dem Blick einer Soziologin untersucht die Lübecker Künstlerin das Spannungsverhältnis zwischen Individualität und Industrie. Sie will den „Dirt um das Konzept“ sichtbar machen. Dirty Minimal heißen folglich ihre fotografischen Versuchsanordnungen im Projektraum des Deutschen Künstlerbundes (Rosenthaler Str. 11, bis 28. November, Di-Fr 14-18 Uhr), die aus Anlass der Verleihung des HAP-Grieshaber-Preises der Stiftung Kunstfonds an die Künstlerin zu sehen sind. Darunter befindet sich das Bild von drei Kälbern in einem zum Stall umfunktionierten Futtermittelcontainer: ein Kubikmeter Plastik als Zuhause der Tiere. Das ist nicht Kunst, sondern Realität. Eine gefundene Installation, sagt Linde. Laura Wieland

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