Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

H. P. Daniels

ROCK

Schwere Lider,

schnelle Lieder

Intro, kurzes Winken von der Bühne ins gesteckt volle Kesselhaus, stürmischer Jubel, Lächeln, „Hello, Hello!“, da sind sie wieder: Franz Ferdinand. Lange nicht mehr gesehen. Ihr zweites Album „You Could Have It So Much Better“, toller Titel!, liegt drei Jahre zurück. „It’s been a while“, sagt Sänger Alex Kapranos und freut sich, dass die Fans ihnen die Treue gehalten haben. Ruhiger Beginn, eine Klaviergitarrennummer, balladenhaft. Aber schon gehen sie rasant in Schräglage, lassen es knallen. Obwohl die Jungs aus Glasgow etwas gezaust und übernächtigt wirken, mit schmalen Augen, schweren Lidern, klingen sie frisch und aufgeweckt. Ein bisschen wie die Kinks von früher. Mit derselben Kraft und Energie, die die Fans hüpfen und wogen lässt, wabern, schubsen und rempeln.

Großer Spaß mit fröhlichen Gesichtern, aggressiv verzerrten Gitarren und hymnischen Melodien zum Mitsingen. Besonders die bewährten Hits werden tosend begrüßt. „Take Me Out“, die zweite Single des Quartetts aus ihrem Durchbruchsjahr 2004, rast wie eine Sturmböe durchs Auditorium und zurück auf die Bühne, wo sich Bassist Bob Hardy, Drummer Paul Thomson, Gitarrist Nick McCarthy und Kapranos von den Wogen mitnehmen und tragen lassen. Doch auch die neuen Songs vom nächsten Album, das für Januar angekündigt ist, fügen sich nahtlos ein, als würde man sie schon seit Jahren kennen.

„Katherine Kiss Me“ heißt eines der neuen Stücke, schweres Geriffe, wildes Tanzen. Sehr lässig klingt das, mühelos, wie nebenbei mal eben so hingescheppert. Aber es ist alles präzise auf den Punkt geknallt. Jeder Einsatz, jeder Break, jeder Schluss. Alles stimmt genau bei dieser prächtig aufeinander eingespielten Band. Franz Ferdinand sind Eklektiker, die die Stile ihrer Vorbilder geschickt zu etwas Eigenem vermischen. Wenn Kapranos seine Telecaster-Deluxe-Gitarre auf den Rücken dreht, die Ärmel seines lachsroten Hemdes hochkrempelt, ein wenig ausschaut wie ein Jahrmarktsentertainer und dann zu einer hypnotischen Bassfigur ins Mikrofon grummelt, weht plötzlich der Geist von Jim Morrison und den Doors durch das erhitzte Auditorium, ein bisschen Psychedelic, dann wieder ein Hauch von Merseybeat oder ein paar elektronische Sounds aus dem Synthesizer.

Alles passt hier trefflich zusammen. Bis Kapranos triumphierend seine Gitarre in die Höhe reckt und auf den Boden legt. Zu schrillem Feedback Arme hoch – und ab. H. P. Daniels

KLASSIK

Gottes

Peitschenhiebe

Der freudlose Buß- und Bettag wird in Berlin wohl noch weniger vermisst als die Mauer. Es war daher schon ein Wagnis von Masaaki Suzuki und dem Bach Collegium Japan, neben Bachs kurzer g-Moll Messe ausgerechnet seine Bußkantate „Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben“ ins Zentrum des Auftritts im Konzerthaus zu rücken. Ein Wagnis umso mehr, als sich Suzuki um kein Wort drückt, sondern eine überzeugende Haltung zum Text sucht. Doch Bachs Joch wird sanft und die Last seiner Zentnerworte wird leicht, wenn sie getragen sind vom grundsätzlichen Gefühl überirdischer Gelassenheit, das Suzukis Interpretationen ausstrahlen. Zielgenau und wie mit einer Stimme lässt der Chor zwar Gottes Peitschenhiebe zischen, doch kein noch so plastisch ausgemaltes Detail überdeckt die herrlich klar gefügte Architektur des Eröffnungschores, bei der die Fugeneinsätze symbolträchtig aus der Tiefe nach oben und wieder zurück auf die Erde wandern. Von den technisch wie musikalisch untadeligen Solisten bringt nur der Tenor Jan Kobow einen ähnlichen Mut zur Identifikation mit dem Text mit: Dank einer Versiertheit in barocker Rhetorik, die nicht nur jedem Wort, sondern auch jeder Wortwiederholung eine neue Nuance abzuringen weiß, wird die Arie „Erschrecke doch“ zur faszinierenden barocken Schaupredigt. Carsten Niemann

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