Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Isabel Herzfeld

PERKUSSION

Das laute Lied

der Kreissäge

Nichts ist archaischer als das Schlagzeug – und zugleich moderner. Mit „evocative patterns“, einer bunten Mischung aus Ahnenanrufung und Avantgarde, zieht Johannes Fischer zu seinem Debüt im Deutschlandradio Kultur eine Menge junger Leute in den Kammermusiksaal der Philharmonie. Der 27-jährige ARD-Preisträger glänzt durch perfekte Technik, gewinnende Lockerheit, mitreißende, auch zur meditativen Versenkung fähige Lebendigkeit. Es spielt aus ihm. Die eigene Improvisation „Cocoon“, die er auf einer Edelstahlskulptur des Bildhauers Klaus Gündchen vollzieht und mit dem Flüstern und Wimmern gezupfter Nylonfäden umspinnt, lässt den Künstler völlig hinter das Objekt zurücktreten. David Langs „Anvil Choral“ mit fußmaschinenbetriebenen Kreissägeblättern, Autofelgen, Bratpfannen und Bremstrommeln erinnert vergnüglich daran, dass die ersten Schlaginstrumente in der urzeitlichen Schmiede standen. Die 1965 geborene Niederländerin Rozalie Hirs entlockt Vibraphon, Glockenspiel und abgeschliffenen Fliesen zart schwingende Klangverbindungen. „Rebonds B“ von Iannis Xenakis wiederum setzt auf die vitale Härte von Trommeln und Holzblöcken, während Matthias Pintscher in „nemeton“ den Farbenreichtum von Holz, Metall und Fell vereint, die vielleicht dramatisch wirkungsvollste Komposition des Abends. Die stimmungsvolle Cole-Porter-Zugabe auf dem Vibraphon zeigt: Beim Schlagzeug gibt es keine Berührungsängste – wenn man spielt wie Johannes Fischer. Isabel Herzfeld

KUNST

Das lange Leid

eines Kontinents

Dichter Nebel umhüllt die Gestalten: Silhouetten auf dem Dach eines Reisebusses, Menschen mit Wanderstöcken und bepackten Eseln in mystischer Landschaft. Grau in Grau mutet diese Fotoserie an – und dennoch hinterlässt die Arbeit von Michael Tsegaye mehr Spuren als andere Werke, die zurzeit in der ifa-Galerie (Linienstr. 139, bis 11. 1., Di-So 14—20 Uhr, Sa 12—20 Uhr) zu sehen sind. Spot On ... Bamako heißt die Gruppenausstellung. Sie zeigt ein „Best Of“ der VII. Rencontres Africaines de la Photographie, der Fotografie-Biennale in Bamako, Mali. Gezeigt werden Fotos und Videoinstallationen von elf afrikanischen Künstlern zum Thema „In der Stadt und an den Rändern“ – wobei es eher das Leben in der Peripherie ist, für das sich der Blick der Kamera interessiert. Kurator Akinbode Akinbiyi stellt ein Kontrastprogramm zu den gängigen Afrika-Bildern auf. Statt das Elend des Kontinents vorzuführen, bebildert die südafrikanische Fotografin Jodie Biber die Drogensumpf-Misere im spanischen Valencia: abgemagerte Körper, ausgezehrte Haut, Heroinabhängige, die sich den Schuss ins Schlüsselbein setzen. Daneben wirken die Pop-Porträts von Nontsikelelo „Lolo“ Veleko, die an Fotos von Style-Bloggern erinnern, regelrecht deplatziert. Doch die Motive sind spannend: In grellen Farben und schrägen Kostümen präsentieren sich die Jugendlichen auf den Straßen von Johannesburg. Afrika-Perspektiven, die man selten zu Gesicht bekommt. Laura Wieland

ANTIKE

Das lallende Lob

der Weinreben

Dieser Gott ist betrunken. Im Rausch verdreht er die Augen und stützt sich auf seinen Begleiter, einen Satyr. Die griechische Marmorgruppe präsentiert Dionysos als nackten Jüngling, wie ihn die meisten kennen. Doch das Bild des Weingottes in der Antike war vielschichtig, wie die Schau Dionysos – Verwandlung und Ekstase im Pergamonmuseum nachvollziehen lässt. Weinrot markiert sind die dazugehörigen Skulpturen in der Antikensammlung, zusätzlich sind Trinkschalen, Kannen und Kleinbronzen ausgestellt, die lange nicht zu sehen waren (Am Kupfergraben 5, bis 21. 6., Di–So 10–18 Uhr, Do 10–22 Uhr, Katalog 24,90 Euro). Alkohol, Sex, Musik und Tanz: Als vielleicht attraktivster Gott macht Dionysos den Auftakt zur großen Ausstellung der Antikensammlung „Die Rückkehr der Götter“, wo ab 27. November insgesamt 170 Werke erstmals wieder zu sehen sein werden, die 1958 aus der Sowjetunion nach Berlin zurückkehrten. Interessant nicht nur die verschiedenen Gesichter Dionysos’, der in der Prolog-Ausstellung dreifach auftaucht, als reifer Bartträger, beschwipster Athlet und androgyner Knabe. Dazu zeigen bemalte Weingefäße die athenischen Feste zu Ehren des Gottes. Jens Hinrichsen

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