Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg W,er

ROCK

So schön waren

die späten Sechziger

Kein Wunder: Wohl auch der Fußballklassiker Deutschland – England führt am Mittwoch dazu, dass der Magnet Club beim Auftritt von Dr. Dog nicht gerade aus allen Nähten platzt. Von den etwa 80 Gästen dürfte aber niemand seine Wahl bereuen: Dr. Dog, das quirlige Quintett aus Philadelphia, bieten eine mitreißende Performance. Die Gitarristen Scott McMicken und Frank McElroy umgarnen einander mit verzwirbelten Tongirlanden. Gemeinsam mit Bassist Toby Leaman bilden sie ein zappeliges Trio, das in putzigen Spontanchoreografien zum Getrommel von Juston Stens rumhüpft, während links am Bühnenrand Zach Miller energisch die Elektroorgel malträtiert. Dr. Dog leben musikalisch in einer Welt, die etwa 1970 aufgehört hat, sich zu drehen. Auf einer Mixkassette würden ihre Songs zwischen späten Beatles, Buffalo Springfield und Creedence Clearwater Revival nicht negativ auffallen. Von den makellosen Gesangssätzen über die kühn gespannten Melodiebögen bis zu den komplexen Arrangements ist dies große Kunst mit minimalen Mitteln. War das nicht gerade ein „Hey Jude“-Chorus? Stammt McElroys gedämpftes Gitarrensolo nicht aus „Suzie Q“? Gerade diese versteckten Klassiker zitate, die wie Sternschnuppen aufleuchten und sofort verglühen, belegen den modernen Umgang mit der Vergangenheit und weisen Dr. Dog als Hüter der US-Indierock-Tradition von Gruppen wie The Replacements oder Pavement aus. Tolle Band! Jörg Wunder

KLASSIK

So gut spielt sich’s

mit Schlabberhose

In der Kunst sind die meisten Grenzen dazu da, irgendwann durchbrochen zu werden. David Garrett ist Profi darin. Die bereits im 19. Jahrhundert verwurzelte Einteilung in E- und U-Musik, in ernsthafte und bloß unterhaltende Tonkunst, interessiert den Geiger genauso wenig wie das konservative Bild des klassischen Musikers. U-Lastig mit Dreitagebart und Schlabberhose präsentiert der 28-Jährige in der ausverkauften Philharmonie (Zusatzkonzert am 13. Januar im Tempodrom) feinste E-Kost. Das gelingt zunächst nur bedingt. Beethovens Sonate für Klavier und Violine Nr. 10 ist ein gemeines, ja ein undankbares Werk. Ohne viel Virtuoses verlangt es Unmengen an Formgefühl und eine fein nuancierte Melodieführung. Anforderungen, an denen Garrett mit seiner sonderbar kurzen, bisweilen etwas ziellosen Phrasierung und überraschend dünnem Ton zu scheitern droht. Auch seine technisch perfekte, aber gestalterisch meist ideenlose Pianistin Milana Chernyavska vermag da nicht zu helfen. Entschädigung gibt es nach der Pause: Schon die wunderbar selbstbewusst vorgetragenen Arpeggien und Pizzicati in Griegs Violinen-Sonate Op. 45 lassen staunen. Was der Juilliard-Absolvent schließlich in den „Zigeunerweisen“ des Spaniers Pablo de Sarasate und der Zugabe von Antonio Bazzini an Doppelgriffen, Skalenraserei und heiklen Flageoletts zeigt, besticht endgültig. Und erst diese fabelhaft ungehemmte Leichtigkeit der Darbietung! Weibliches Schmachten auf den Rängen. Daniel Wixforth

COMEDY

So verwirrend

kann man schweigen

Auf der Bühne der Bar jeder Vernunft stehen zwei Männer um die dreißig hinter brusthohen Plakatwänden und picknicken. Der links steckt sich genussvoll Papierstückchen in den Mund, der rechts trinkt hastig Druckerschwärze aus der Flasche. Dann hängt der Linke ein neues Plakat vor sich. „Na, geht’s wieder“ steht darauf. Die Schweizer Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg sind Ohne Rolf, ihr Programm heißt „Blattrand“ (bis 7. 12., Mi.–Sa. 20, So. 19 Uhr). Ohne Rolf stammen aus einem Land, wo Menschen nicht sprechen, sondern sich durch das Aufhängen von Plakaten unterhalten. Nun haben sie sich ins Land der „Stimmberechtigten“ verirrt: unser Land. Und wo sie schon mal da sind, wollen sie das Geheimnis der Sprache ergründen. Auf die Idee kamen sie während einer Straßenperformance: Mit starrer Miene stellten sie sich in Innenstädte und hielten ein Plakat mit der Aufschrift „Hier gibt es nichts zu sehen“ hoch. Und was taten die Leute? Je länger das Duo unbewegt verharrte, desto mehr blieben verwirrt stehen. Verwirrung gibt es nun auch in der Bar, wo man sonst meist auf Musik und deutliche Pointen setzt. Nun stehen da zwei und hängen Hunderte von Zetteln auf. In der zweiten Hälfte wird es lebendiger. Ohne Rolf träumen, dass sie singen können. Und singen. Sie werden von Radiorekordern bedroht und rennen mit einem Gedankenfänger durchs Publikum. Das lässt den Abend zwar vom Feinsinnigen ins Groteske kippen, ist aber deutlich weniger anstrengend. Fünf Minuten Applaus sind der verdiente Lohn. Knud Kohr

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