Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jens Mühling

KUNST

Im Reich

der Fehler

Fehler können große Macht entfalten. Der kulturelle und wirtschaftliche Siegeszug des Spinats als muskelaufbauendes Wundermittel wäre nie geschehen, wäre nicht damals im Labor ein Komma verrutscht und hätte suggeriert, das grüne Gemüse enthalte Eisen. Ein geübter Korrektor wie Manuel Bonik sieht überall Fehler. Die Ausstellung des Berliner Autors, Künstlers und Musikers in der Galerie Vestibül heißt „Schlussredaktion“ und beschäftigt sich mit Fehlerkorrektur (bis 30. 11., So 14-18 Uhr und n. Vereinbarung, Karl-Kunger-Str. 5, Treptow). Bonik gab in den Neunzigern das Magazin „Schrift“ heraus, das mit theoretischen und künstlerischen Beiträgen (darunter Dieter Roth und Oswald Wiener) Schreib- und Sehgewohnheiten reflektierte und torpedierte. Die Wände im Vestibül sind mit korrigierten Druckfahnen seines Buchs über die Turing-Maschine tapeziert. Der Name der Galerie, die sich seit einem Jahr dezidiert textlastigen Ausstellungen widmet, ist angesichts der etwa 15 Quadratmeter metaphorisch zu verstehen. Sie ist eine Eingangshalle zum Reich der Texte. Lesepulte laden zum Studium unter Glühbirnen. Etwa im ersten Lehrbuch für Korrektoren, Hieronymus Hornschuchs „Orthotypographia“ von 1608. Oder in einem Handbuch aus der DDR, das sogar die Arbeitskleidung vorschreibt, aber schon im verschraubten Klappentext voller Fehler ist. Ein schönes Bild dafür, dass gerade die kontrolliertesten Systeme nicht vor Fehlern sicher sind.Kolja Reichert

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