Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

H.P. Daniels

POP

Wer vorne ist,

darf auch mal hinten stehen

„The show is about to begin!“, verheißt die Schrift an der Wand hinter der Bühne. Dann laufen Standbilder, Plattencover, Fotos von Musikern in rasender Geschwindigkeit: Bob Dylan, Billie Holiday, Brian Eno, Miles Davis, Velvet Underground und unzählige mehr. Zum Synthie-Intro kommen Mercury Rev aus den Catskill Mountains, New York, ins Lido. Sie sehen aus wie auf einem großen LSD-Experiment, und so hören sie sich auch an. Aber ist natürlich alles Theater. Jonathan Donahue lässt keinen Zweifel, wer hier der Frontmann ist, lächelt seltsam entrückt, setzt sich eine Weinflasche an den Hals, lehnt den Kopf zurück, tiefer Schluck, lässt die Kollegen erst mal eine ordentliche Klangwand hinstellen, aus Schlagzeug, Bass, Gitarre, Elektronika. Immer höher, immer dichter wird geschichtet. Und obendrauf steckt Donahue dann seine Gesangsfahne, diese seltsam echoende Fistelstimme. „Snow flake In A Hot World“ ist vom neuen Album. Man glaubt einen endlosen Song zu hören, dabei sind es mehrere, alles hübsch verschachtelt, es fließt und wabert wie Endsechziger-Kiffermusik.

Aber was chaotisch improvisiert anmutet, folgt durchaus einer festen Struktur und ist diszipliniert gespielt. Donahue gibt den durchgeknallten Theatraliker, überzogen eitel, agiert wie ein Stummfilmstar: als hexender Magier, Zeitlupenballerina, manischer Dirigent, verliebt in den eigenen Schatten. Zwischendrin erfreut es, wenn ein paar Songs vom famosen Album „Deserter’s Songs“ von 1998 hervorleuchten. Eine unsichtbare Säge singt, während die sichtbare Gitarre von „Grashopper“ Mackowiak sägt und rückkoppelt, Donahue sich rasend um die eigene Achse dreht und mit seiner Gitarre Flugzeug spielt. Es brummt und wabert. Anderthalb Stunden. Dann „Thank you Berlin!“, winke, winke und Abgang – zu einer nicht enden wollenden Lärmschleife, verstärkt vom Tosen der Fans. H.P. Daniels

KLASSIK

Wer oben ist,

darf in die Tiefe gehen

Im Sommer wurde er bei den Salzburger Festspielen gefeiert, gerade hat er die Nachfolge Valery Gergievs bei den Rotterdamer Philharmonikern angetreten. Die Erwartungshaltung ist also groß vor Yannick Nézet-Séguins erstem Auftritt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester. Der 33-jährige Kanadier betritt die ausverkaufte Philharmonie festen Schritts, baut sich auf dem Podium auf und beginnt, Energie ins Orchester zu pumpen. Raumgreifend ist seine Gestik, der ganze Körper gerät in Bewegung: Doch das Armewerfen ist keine Show, der schaufelnde Aktionismus dient dazu, den inneren Puls der Musik zu vermitteln. Für Yannick Nézet-Séguin gilt, was 1976 über den jungen Simon Rattle geschrieben wurde, als er in Berlin beim selben Ensemble debütierte, das damals noch Radio-Symphonie-Orchester hieß: „Dirigenten bringen es wie Rekordschwimmer in immer jüngerem Alter zu einer technischen Versiertheit, die man früher erst nach vielen Jahren des Ausprobierens und Irrens erwarb.“ Ob Tschaikowskys „Francesca da Rimini“, ob Prokofjews 2. Violinkonzert (mit der grandiosen Lisa Batiashvili), ob Debussys „Jeux“ oder Ravels „Daphins et Chloé“: Nézet-Séguin koordiniert die Klangmassen souverän. Was allerdings den Kapellmeister vom Dirigenten unterscheidet, nämlich die Fähigkeit, den Stücken Charakter zu verleihen, ihr individuelles Parfum, wird allenfalls ansatzweise spürbar. Den horizontalen Überblick über die Möglichkeiten eines Orchesters hat der Maestro aus Montréal schon: In Zukunft darf er getrost in die Tiefe gehen. Frederik Hanssen

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