Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Matthias Nöther

KLASSIK

Alle

mal lachen

Was Richard Strauss mit seiner skurrilen Symphonischen Dichtung „Till Eulenspiegel“ eigentlich wollte? „Dass die Leute im Konzertsaal einmal richtig lachen.“ Sein Pech, dass er in eine symphonische Tradition hineingeboren wurde, wo man mit einem großangelegten Orchesterwerk auch immer einen philosophischen Weltentwurf mitzuliefern hatte. Der Amerikaner John Fiore dirigiert das Konzerthausorchester – pro Strauss und gegen die Tradition deutschen Tiefsinns. Gerade weil Fiore das Stück so nimmt, wie es ist, in seiner lakonischen, antiintellektuellen Trockenheit, entsteht etwas Zauberisches. Selbiges gilt leider nicht für das Klavierkonzert in F von George Gershwin. Die angelegte Balance zwischen Symphonik und Jazz konnte Gershwin hier nicht kreativ nutzen – es wirkt beides gezwungen, zumal die Bläser des Konzerthausorchesters mit ihrem Jazz so ungemein deutsch klingen. Auch die 20-jährige französische Pianistin Lisa de la Salle bringt die Stile nicht zusammen: In ihrem Element scheint sie, sobald sie auf die virtuosen Ragtime-Passagen losgelassen wird. Alles, was dagegen Blues-affin sein soll, hört sich künstlich hergestellt an. In der Zugabe eines Chopin-Nocturne singt das Klavier lauthals, ohne indes tief zu atmen. Eine mit historistisch-harten Pauken schmissiger gemachte Darbietung von Mendelssohns früher c-moll-Symphonie op. 11 rundet das Konzert dann doch noch ab – mit eben jenem spielerisch-musikantischen Element, das man sich auch für Gershwin gewünscht hätte.Matthias Nöther

KUNST

Ab

ins Kloster

Gegen den riesigen Koumphan hatte die reizende Soumountha keine Chance. Doch nach Jahren der Gefangenschaft möchte die geraubte Schöne dann gar nicht mehr fort. Der Held Sinxay kann sie nur mit Mühe aus dem Bann des Kolosses befreien. Die 1969 im pakistanischen Lahore geborene Shahzia Sikander zitiert dieses indo-persische Märchen auf ihren großformatigen Gemälden. Figürliche, florale und schriftartige Elemente verbinden sich auf einer Wandmalerei zu einem fesselnden Bildgeflecht zwischen moghul indischer Tradition und Innovation. In der DAAD-Galerie bestreitet die Künstlerin ihr erstes Deutschland-Solo (Zimmerstraße 90/91, bis 6.12., Mo-Sa 11-18 Uhr).

Bei zwei Videoarbeiten befasst sich die Wahl-New-Yorkerin mit jungen buddhistischen Mönchen in Laos. Meditative Klangholzrhythmen sind zu hören, während die Gesichter der vielfach kindlichen Mönche und Novizen per Doppelbelichtung verschmelzen und dann wieder auseinanderstreben. Beide Arbeiten von 2008 kritisieren den Blick der kamerabewaffneten „Klostertouristen“. Für oberflächliche Beobachter sehen die orange gekleideten Geistlichen alle gleich aus. Sikander betont ihre Individualität. Das verstärkt sie noch einmal in den zwölf Bleistiftarbeiten der „Monks and Novices Series“ (2006-2008). Jedes Gesicht, mal freundlich, mal grimmig, deutet eine andere Lebensgeschichte an. Eine Begegnung unter vier Augen. Das Sich-Loseisen fällt schwer.Jens Hinrichsen

ROCK

Arschbombe

ins Publikum

Kaum wurden die Foals mit Vampire Weekend an der Spitze einer kleinen Afropop-Revival-Bewegung entdeckt, da sind sie schon woanders. Mit zerdehnten Intros, verzerrten Gitarrenbreitseiten und aufwühlenden Synthieschwaden hängen die fünf Musiker aus Oxford so viel Ballast an ihre leichtfüßigen Songs, dass einem ganz progressiv zumute wird. Aber die Operation funktioniert grandios, das Publikum im knüppelvollen Columbia Club tobt zu den geometrisch verzahnten Rhythmen und Franz -Ferdinand mäßig explodierenden Refrains. Sänger und Gitarrist Yannis Philippakis kommt rätselhaft rüber: Von Unrast getrieben, springt er mal artistisch, aber ohne erkennbaren Lustgewinn von einem Verstärkerturm, dann wiederum mit der Einschlagskraft einer Arschbombe vom Dreimeterbrett ins Publikum, das ihn routiniert auf die Bühne zurückreicht. Während der famose Bassist Walter Gervers und Drummer Jack Bevan mit großem Spaß bei der Sache sind, wirkt Philippakis verbissen, fast streitlustig. Sein Ernst tut der Musik keinen Abbruch. Für mehr als ein 50-minütiges Aufblitzen ihres außerordentlichen Talents reicht die Puste der Foals noch nicht. Was aber dem Erschöpfungsgrad der Zuschauer durchaus entgegenkommt. Jörg Wunder

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