Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

LIEDERABEND

Auf Wiederhören!

Liederabenden wohnt ein Versprechen inne, das immer lockt, sich aber nur selten erfüllt. Wort und Klang sollen sich intim begegnen und zusammen verborgene Räume der Poesie entdecken. Das alles bitte spontan und geistesgegenwärtig. Zu Liederabenden geht, wer an Wunder glaubt und an Christine Schäfer. Spielend füllt die Sopranistin den kleinen Saal des Konzerthauses, in einem Programm, das sich zur Hälfte dem weitgehend unbekannten Liedschaffen von Oliver Messiaen widmet. Schäfer sucht stets nach Ausdruck in dem, was sie singt. Sie greift dabei nicht nach der erstbesten Geste, den fadenscheinigen Emotionen. Das hat ihr den Ruf einer intellektuellen Sängerin eingebracht, deren vermeintliche Kühle erst den klaren Blick in die Tiefe der Seele eröffnet. Viel hätte sie dort finden können, zumal als Künstlerin: Messiaens „Poème pour Mi“ sind ein schwieriges Hochzeitsgeschenk, das menschliche und göttliche Liebe emphatisch und mit klarer Rollenverteilung kurzschließt. Auch Schumanns „Dichterliebe“ mit ihrem puppenhaften Frauenbild und dem sarkastischen Unterton schürt Neugier auf eine weibliche Interpretation des Liedzyklus. Aber Schäfer kommt nicht ins Erzählen. Mit vordergründiger Dramatik rettet sie sich darüber hinweg, dass ihre Stimme leise nicht ansprechen will. Die Ironie in Heines Versen, das Schwanken zwischen Liebesverzweiflung und Spott – ungehört. Dazu hämmert Pianist Eric Schneider Ausrufezeichen, ob sie den Notentext treffen oder nicht. Auf Wiederhören!Ulrich Amling

FOLKPOP

Gute Besserung!

„Eigentlich spiele ich diese Ballade immer am Klavier, aber es scheint hier keines vorhanden zu sein“, leitet Ron Sexsmith bei seinem Gastspiel im Berliner Frannz Club das fünfte Stück des Abends ein, das er dann auf der Westerngitarre anstimmt. Diese Verlegenheit wäre dem 44-jährigen Kanadier mit der Beethovenfrisur erspart geblieben, wenn man ihn ins Quasimodo gebucht hätte, wo er 2004 das erste – und bis dato letzte Mal – mit kompletter Band zu sehen war. Zwar vermag jeder der Songs, die Sexsmith seinem zehn Alben umfassenden Repertoire entnahm (darunter die durch Feist bekannt gewordenen „Brandy Alexander“ und „Secret Heart“), auch im Folk-Trio Line-Up zu wirken. Doch da auf seinem jüngsten Werk „Exit Strategy of the Soul“ das Klavier eine zentrale Rolle spielt und bei den Soul-Nummern der Schlagzeugpart ebenfalls erheblich ist, führt der Verzicht bei 25 Stücken zu einiger Gleichförmigkeit. Selbst wenn Sexsmiths Mitstreiter Tim Bovaconti und Jason Mercer seine nuancenreiche Stimme mit flächigen E-Gitarreneffekten und akzentuiertem Kontrabass solide grundieren, wirkt die Interaktion unter den Musikern wenig lebendig. Vielleicht wegen Sexsmiths Erkältung, die die sich in höheren Gesangslagen mehrmals offenbarte? So riecht die Aneinanderreihung seiner im Geiste von Gordon Lightfoot, Harry Nilsson und Bill Withers verfassten Trostspender denn doch arg nach Pflichtübung. Markus von Schwerin

KLASSIK

Applaus, Applaus!

Hans Werner Henze hat es sich nicht leicht gemacht: Eine Bekenntnissinfonie, noch dazu mit der musikgeschichtlich schwer belasteten Zahl 9 hat er 1997 geschrieben – in einer Zeit, zu der ziemlich jeder seiner Komponistenkollegen diese Gattung längst für verstorben hielt. Mehr noch: Als groß angelegte Auseinandersetzung mit seiner deutschen Heimat hat Henze diese Chorsinfonie geschrieben, als Basis dient ihm Anna Seghers’ Roman „Das siebte Kreuz“ um sieben geflohene KZ-Häftlinge. Gleich zu Beginn schlagen die Klangwellen in der Philharmonie, dargeboten vom RSB und den Rundfunk-Chor unter Marek Janowski, über dem Hörer zusammen, Angst wandelt sich in Schrecken und Schrecken in Panik. Der zweite Satz gleitet in fadenscheiniger Todessehnsucht hinab, bäumt sich zu einem schlingernden Chorcluster auf, und verstummt. Im sechsten Satz beschreibt ein kleiner Chor von der Empore aus die unwirkliche Angst eines Flüchtlings, der nachts im Dom ausharrt: atemloses Geflüster, von bellenden Orgelschlägen zerfetzt. Klamme Hoffnung schließlich erfüllt im Finale den einzigen Häftling, dem die Flucht gelingt.

Wer vermag von sich zu sagen, die angemessenen Ausdrucksmittel für solches Grauen zu besitzen? War das alles nun zu schön komponiert, um dem beklemmenden Sujet gerecht zu werden? Soll man am Ende etwa klatschen? Aber ja – und reichlich, wie es sich für Sternstunden gebührt. Ulrich Pollmann

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