Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Piano statt Poller

Heute, da Poller und Polizei das jüdische Leben in Berlin schützen müssen, kann man sich die kulturelle Blüte der jüdischen Gemeinde im 19. Jahrhundert kaum noch vorstellen. Der Komponist Louis Lewandowski (1821–1894) war 50 Jahre ihr Chordirigent, ab 1866 wirkte er in der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße. Für seine Vertonung von 18 Psalmen verwendete er Mittel, die gemessen an der traditionellen Liturgie der Synagoge modern waren: gemischten Chor, Soli, Orgelbegleitung. Andor Izsák, Professor am Europäischen Zentrum für Jüdische Musik in Hannover, hat zum 20-jährigen Jubiläum seines Instituts Lewandowskis Musik nach Berlin zurückgeholt und mit zwei Schubert-Psalmen kombiniert. Der NDR-Chor singt die Texte in der leider nur zu einem Viertel gefüllten Philharmonie mit tief empfundener Hingabe; Alexander Ivanov, Kantor in einer Sylter Gemeinde, begleitet den Chor an der Orgel als Partner. Leider wird sein Spiel stellenweise so zärtlich, dass man kaum noch etwas hört. Erika Lux dagegen interpretiert Lewandowskis Hebräische Rhapsodie am Flügel erdenschwer. Andor Izsák dirigiert nicht geschlossen, er hat die Tendenz, Tempi schnell zu beginnen und dann zu verlangsamen. Aber er zeigt mit diesem Konzert, dass von der jüdischen Kultur in Berlin mehr geblieben ist als nur Poller. Udo Badelt

POP

Brillenschlangen mit Gitarren

Dass drei von fünf Bandmitgliedern eine Brille tragen, ist nicht das Ungewöhnlichste an TV On The Radio. Dass vier Schwarze und ein Weißer „weiße“ Rockmusik spielen, auch nicht. Und die stilistische Waghalsigkeit der Brooklyner ist zwar toll, aber experimentell sind auch andere. Das Sensationelle an TV On The Radio ist das Wie. Etwa, mit welcher Geschmeidigkeit der hünenhafte Sänger Tunde Adebimpe im ausverkauften SO36 tanzt, um dann bei den Wortkaskaden von „Dancing Choose“ in eine Raserei zu verfallen, die an legendäre Soul-Shouter wie Otis Redding erinnert. Gitarrist und Ko-Sänger Kyp Malone springteufelt entfesselt auf die Saiten ein, während Dave Sitek seine Telecaster mit allem misshandelt, was ihm in die Hände fällt: Rasseln, Schellen, Trommelsticks. Bei der Zugabe „Let the Devil in“ darf die gute Vorband White Circle Crime Club mitjammen, der Song mutiert zur groovenden Geisterbeschwörung eines urbanen Indianerstammes. Doch all das Freakige verdichtet sich bei TV On The Radio immer wieder zu Rockhymnen, von denen es zurzeit kaum bessere gibt: Hits wie „Wolf like me“, „Satellite“ oder das nach grandiosen 75 Minuten noch mal ein Tosen und Toben auslösende „Staring at the Sun“ sollten endlich vom Mainstream entdeckt werden, damit die beste Brillenträgerband der Welt so groß wird wie U2 und Coldplay. Jörg Wunder

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