Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg W,er

POP

Hämmerndes

Klavierspiel

Mitte der neunziger Jahre galt Ben Folds zwischen all den verschwitzten Gitarrenrockern des Grunge vor allem als guter Witz: ein bebrillter Nerd, der ausgerechnet das Klavier zu seinem Instrument erkoren hat. Der Elton John des Indierock. Inzwischen sind die Grungehelden in der Midlife-Crisis, Ben Folds aber geht es bestens. Im vollen Kesselhaus stellt er sich hinter seinen Flügel und hämmert los: „Rock this Bitch“ ist einer von mehreren Songs, in denen er seine instabilen Frauenbeziehungen – er ist mit 42 bereits zum vierten Mal verheiratet! – aufgearbeitet hat. Vorwärts getrieben von einer vierköpfigen, gitarrenfreien Band, fliegen Folds Finger über die Tasten. Was indes nie zum artistischen Selbstzweck verkommt: Erst nach einer halben Stunde setzt er zu einem Solo an. Folds brilliert als virtuoser Akkordwühler, noch wichtiger aber ist er als herausragender Songschreiber, der seine Stücke oft radikal uminterpretiert. So gibt es zwei Versionen von „Dr. Yang“: als sonniger Power-Pop, als harsche Punk-Explosion.

Die Band verleiht den Songedelsteinen mit präzisem Satzgesang und pointierten Minisoli den letzten Schliff. Bei „Free Coffee“ demonstriert Folds, wie man den alten Avantgarde-Trick des präparierten Pianos gewinnbringend für die Popmusik nutzen kann. Eine Handvoll Balladen spielt und singt er solo: intensiv, ernst, ergreifend. Dann kommen wieder die Hits, bis Ben Folds nach zwei mitreißenden Stunden seinen kaum benutzten Klavierhocker schwungvoll auf die Tasten pfeffert. Hier geht niemand ungerockt nach Hause. Jörg Wunder

KLASSIK

Transparentes

Klavierspiel

Man muss kein Fachmann sein, um zu hören, warum András Schiff seinen eigenen Flügel in den Kammersaal der Philharmonie schaffen lässt. Der Klang des vom italienischen Klavierbauer Fabbrini intonierten Instruments unterscheidet sich ohrenfällig von anderen Steinways. Und kommt Schiffs Beethovenspiel wunderbar entgegen: Klar, direkt und transparent ist sein Klang, man meint, viel näher am Instrument zu sitzen als üblich. Schiff spielt die Sonaten 22–26 – Werke der mittleren Periode Beethovens – denn auch mit gediegener Klarheit, den formalen Zusammenhang akzentuierend, dabei jeder Übertreibung abhold. Schon der Finalsatz der F-Dur Sonate gerät ihm mit seinem leichtfüßigen Passagenwerk und den vielfältigen rhythmischen Akzenten zum ersten Höhepunkt des Abends. Die Appassionata spielt er ohne titanische Geste. Das Stück hat man schon aufrüttelnder gehört, aber selten so geschlossen. Sucht man den Schlüssel zum Geheimnis der Meisterschaft dieses Pianisten, muss man vor allem seine rhythmische Raffinesse, sein Timing studieren: Schiffs klare, direkte Spielweise lässt selten große Temposchwankungen zu, aber beim genauen Hinhören wird man der vielen feinen Schattierungen gewahr, mit denen er jedes Motiv zum Schwingen bringt. Bei ihm fehlt jede mechanische Exaktheit, was besonders den lyrischen Passagen zu großer Schönheit verhilft: Die rhythmische Sprache Beethovens färbt sich gewissermaßen gemäß den Spannungslinien dieser Sonaten in feinsten Schattierungen. Begeisterung im ausverkauften Saal. Ulrich Pollmann

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