Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Frederik Hanssen

KLASSIK

Die Angst

überwinden

Die Ernennung des Amerikaners Carl St. Clair zum neuen Generalmusikdirektor der Komischen Oper markiert einen echten ästhetischen Richtungswechsel. Es geht dabei nicht um den klassischen Ost-West-Konflikt, wohl aber um einen unterschiedlichen Zugriff auf die zentraleuropäische Musik: Die prägenden Dirigenten der letzten beiden Dekaden, Yakov Kreizberg, Vladimir Jurowski und Kirill Petrenko, kamen aus der russischen Tradition mit ihrer Liebe zu Dramatik und zum großen emotionalen Bogen. Carl St. Clair dagegen ist mit dem Sound der US-Spitzenorchester aufgewachsen, die vor allem wegen ihrer technischen Perfektion verehrt werden.

Wenn der Texaner nun mit den Musikern der Komischen Oper Dvoraks 9. Sinfonie aufführt, fällt auf, wie präzise die einzelnen Stimmen herausgearbeitet sind, wie gut der neue Chef das Ensemble unter Spannung setzt. Atmosphärische Dichte heraufzubeschwören, jenen privaten Ton, der diese klingenden Tagebuchnotizen „Aus der neuen Welt“ so bewegend macht, gelingt St. Clair an diesem Abend aber noch nicht. Absolut überzeugend vermag er dem Orchester wie dem begeisterten Publikum dagegen die Sinfonie „Das Zeitalter der Angst“ seines Lehrers Leonard Bernstein zu vermitteln: Inspiriert von W. H. Audens Versdichtung zeigt Bernstein die moderne Gesellschaft in ihrer Zerrissenheit. Dass er dabei nie ins Resignative abgleitet, liegt an seinem pulsierenden Lebenswillen, der ihn vorantreibt, wie St. Clair und der rhythmisch messerscharf agierende Klaviersolist Benjamin Pasternack packend demonstrieren. Als Zugabe spielt Pasternack zwei Nummern aus Bernsteins „On the Town“. Wäre die New-York-Hommage von 1945 nicht das ideale nächste Musical für die Komische Oper? Mit Dagmar Manzel als Hildy und St. Clair im Graben! Frederik Hanssen

KUNST

Das Licht

nutzen

„Man hat mich zu Tode fotografiert“ – in Marlene Dietrichs Klage könnte die Sphinx in Giza einstimmen, wäre sie nicht so legendär verschwiegen. An den Run auf Pyramiden und Sphinx schon im 19. Jahrhundert erinnert eine Ausstellung mit historischen Fotografien im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz. Unter insgesamt 65 zwischen 1857 und 1900 aufgenommenen brauntonigen Vintage-Fotografien der ägyptischen Kultstätten besticht ein gutes Dutzend Stereofotos mit verblüffender Tiefen illusion (Otto-Nagel Haus, Märkisches Ufer 16–18, bis 9.1, Mo–Fr 10–18, Sa u. So 11–18 Uhr).

„Noch nie gesehen“, das Motto des 3. Europäischen Monats der Fotografie wird im Bildarchiv dank veritabler „Ausgrabungen“ beherzigt, wobei der Reiz der Ausstellung im Vergleich einander ähnelnder Bilder liegt. Im Fall der Pyramidengruppe wiederholt sich der klassische Blick aus südlicher Richtung mit dem Vorteil, dass die drei Königinnenpyramiden sowie die Pyramiden des Mykerinos, des Chephren und des Cheops hintereinander gesehen ein fotogen verdichtetes „Stillleben“ ergeben. Die Einbeziehung von Palmen oder Karawanen im Vordergrund verraten den persönlichen Geschmack des jeweiligen Fotografen. Soziologisch aufschlussreich sind Fotos, die Einheimische und Touristen integrieren: Letztere nutzten etwa den Eingang der Cheops-Pyramide, sich selbst ins beste Licht zu rücken. Oder sich (unabsichtlich) für die Nachwelt zu diskreditieren, wie jene Engländerin, die sich von zwei Arabern links und rechts an den Händen halten lässt wie Kleopatra persönlich. Jens Hinrichsen

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