Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

FOTOGRAFIE

Die eine lächelt,

die andere nicht

Zwei Schwestern und Fotografinnen: Ruth hat sich mit Plattenkamera vorm Spiegel selbst fotografiert, locker lächelnd. Die etwas ältere Lotte hält sich angespannt an ihrer Leica fest – so porträtiert von Ruth Jacobi (1899–1995). Sie ist die Unbekanntere der beiden, was das Jüdische Museum ändern will. Gezeigt werden über sechzig Porträts, Stillleben und Reportagefotos einer Zauberin des Lichts (Lindenstr. 9–14, bis 8. 2., Mo 10–22, Di–So 10–20 Uhr, Katalog 24,95 €). Ihren Naturkompositionen verlieh sie einen surrealen Anstrich. Bizarr verhaken sich die Zweige an eine Wand gelehnter Bäume mit ihren Schattenbildern.

Das Licht-Spiel war Ruth Jacobi, Spross einer jüdischen Fotografenfamilie, in die Wiege gelegt. Mit Schwester Lotte führte sie ein Atelier in Berlin, nach beider Emigration 1935 wurde ein Studio in New York gegründet. Schon 1928 hatte Ruth während einer USA-Reise Juden an der Lower East Side fotografiert, Straßenhändler zumeist, die Brezeln, Schuhe, Obst oder Seife feilboten: Höhepunkte der Ausstellung. Jacobis Serie momenthafter Aufnahmen ungarischer Bauern (1934) setzt sich vom „völkisch“-markigen, Land und Leute verherrlichenden Stil ab. Und ihre Kinderporträts vermeiden das Niedliche. Eindringlich der Junge, dem ein Spatz über die Hände spaziert (1970). Seit 1940 hatte sich Jacobi von der Fotografie zurückgezogen und griff erst in den Siebzigern wieder zur Kamera. Wohl auch ein Grund, warum man sie erst aus dem Schatten der Schwester herausholen muss. Jens Hinrichsen

KUNST

Die einen sehnen sich,

die anderen nicht

Laptop statt Atelier? Für viele albanische Künstler ist der digitale Raum längst zu einer Art Projektraum geworden. Vom eigenen Studio, von Galerien, Stipendien können Künstler in Albanien nur träumen. Wie es um die kulturelle Landschaft in der armen Mittelmeerrepublik bestellt ist, zeigt die Ausstellung My Space. Tirana–Berlin im Haus am Lützowplatz (Lützowplatz 9, bis 4. 1., Di–Sa 11–18 Uhr), eine gemeinsame Fotoschau mit deutschen Künstlern. Das bilaterale Projekt macht vor allem eines sichtbar: die Sehnsucht junger Kunstschaffender aus dem Balkan nach Austausch. 40 Jahre Sozialismus und Isolation haben nach der Öffnung Albaniens gerade bei den Künstlern einen „Hunger“ nach Bildern und Informationen aus anderen Ländern hinterlassen, sagt Kuratorin Julie August.

Die Lage der Kunst in Albanien hinterfragt auch Heldi Pema. Wie ein Gemälde wirkt seine Arbeit „Offener Raum“. Eine ironische (Selbst-)Inszenierung: Von einem Lichtstrahl erleuchtet sitzt er in der Nationalgalerie von Tirana und scheint darüber zu sinnieren, was nun an die leere Wand soll, wo einst Landschaftsbilder aus der Zeit der albanischen Renaissance hingen. Wie begreift man hingegen den Kontext seiner unmittelbaren Umgebung? Syabhit Shkreli zerlegt die Räume, die er bewohnt, in einzelne Bilder, bevor er sie wie Puzzleteile wieder zusammenfügt. Denselben Ansatz verfolgt auch die Münchner Künstlerin Katharina Gaenssler. Aus unzähligen Einzelaufnahmen setzt sich ihre Collage zusammen. Sie spielt mit Bildschärfe, Perspektive, Licht und erschafft auf diese Weise ein Mosaik, das deutlich macht, wie fragmentiert man seine Umwelt wahrnehmen kann.Laura Wieland

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