Kultur : KURZ & KRITISCH

Johannes Völz

JAZZ

Orkan

im Wasserglas

Ab dem vorletzten Stück springt das Publikum auf in der Berliner Philharmonie, Standing Ovations nach seinem Solo, und dann gleich noch einmal nach dem Schlussakkord. Schließlich spielt da vorne Sonny Rollins, mittlerweile 78 Jahre alt. Der Letzte der Allergrößten des Jazz. Das Genie des Hardbop, dessen Soli auch ein halbes Jahrhundert nach ihrem Entstehen junge Saxofonisten auswendig lernen. Gar nicht so wichtig, wie er im Jahr 2008 spielt. Es gilt, ein Lebenswerk zu beklatschen. Und das Glück, selbst dabei zu sein bei der vielleicht letzten, in jedem Falle aber historischen Europatournee des früheren „Saxophone Colossus“, wie eine seiner maßgeblichen Platten 1956 benannt war. Dabei läuft eigentlich alles wie immer. Die Mitmusiker können sich nur ganz selten aufraffen, ihre Mittelmäßigkeit zu überwinden. Kimati Dinizulu bekommt seine Soli an Congas und Bongos ausgerechnet bei den Balladen. Ganz hübsche Melodien klopft er da zusammen, aber irgendwann schaut er Hilfe suchend zu Rollins: Es fällt ihm einfach nichts mehr ein. Derweil machen Bassist Bob Cranshaw und Drummer Kobie Watkins den Eindruck, sie würden den Dienst gleich ganz einstellen wollen. Irgendwann setzt Rollins endlich ein, es ist eine Erlösung. Drei Töne, geschmettert mit größter Überzeugung. Er bläst das Motiv auf mit schnaufendem Vibrato, beschießt es dann von allen Seiten mit pfeilschnellen Glissandi. Zitiert kurz „Jingle Bells“ und „O Tannenbaum“, nimmt die Hände vom Horn und pustet aus vollen Lungen. Sonny Rollins kämpft um sein Publikum, als habe er seine Karriere noch vor sich. Sogar eine Hommage auf Berlin stimmt er an, „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Ein Ohrwurm, der ihn den ganzen Abend nicht mehr loslässt. Nach über zwei Stunden reckt er zum Abschied die Faust. Der Mann hat noch immer Power. Noch einmal will er nach Berlin kommen, kündigt er an. Könnte man ihn doch nur zu einem Soloabend bewegen. Johannes Völz

KLASSIK

Warte, warte

nur ein Weilchen

Etwas Besseres konnte den Zuschauern in der restlos ausverkauften Deutschen Oper nicht passieren: Beim 37. Bundeswettbewerb Gesang vermag sich die Jury nicht in der vorgegebenen Zeit auf die Preisverteilung zu einigen – und darum muss Roger Willemsen noch einmal auf die Bühne. Im ersten Teil des Konzerts hat der telegene Alltagsphilosoph bereits versucht, den elf Finalisten des Sängerwettstreits durch ulknudelige Anmerkungen zu den Arien ein wenig von ihrer Nervosität zu nehmen. Jetzt aber erweist sich Willemsen als echter Stand-up-Comedian, verrät, dass seine Mutter davon überzeugt war, das männliche Genital hieße corpus delicti, erzählt von dem Jungen, der ihm neulich „auf dein spitzes Gelbes!“ zugeprostet habe (und sein „Spezielles“ meinte), und so fort, bis die Juroren endlich ihr Votum verkünden.

Es ist ein verkorkster Kompromiss: Der erste, mit 10 000 Euro dotierte Preis geht an die Sängerin mit der größten Stimme, Denise Schönefeld von der Berliner Universität der Künste. Die Zweitplatzierte, Ania Wegrzyn, allerdings nimmt 500 Euro mehr mit nach Hause als Schönefeld, weil sie zusätzlich den Bühnenvereins-Preis erhält: Als „Barbiere“-Rosina hat Wegrzyn die größte Bühnensouveränität des Abends gezeigt und divenhaft-großzügig ihre koketten Koloraturen unters Volk gestreut.

Männer waren bei dem von Daniel Klajner und dem Orchester der Deutschen Oper einfühlsam begleiteten Finale mal wieder Mangelware. Angesichts eines chronischen Frauenüberschusses ziehen es die meisten Sänger wohl vor, ohne den Stress eines Wettbewerbs gleich ins Berufsleben einzusteigen. Tareq Nazmi führte vor, wie man trotz eines eher unterdurchschnittlich attraktiven Baritons mit Marx- Brothers-Mimik dennoch die Publikumsgunst erobern kann und wurde dafür mit dem „Preis Deutscher Gesangs pädagogen“ belohnt (Deutschland radio sendet einen Konzertmitschnitt am 8. Dezember ab 20 Uhr). Frederik Hanssen

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