Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Alle Wege

führen zu Bach

Ihr Ruf zieht ein begeisterungsfähiges Publikum in den Kammermusiksaal: Angela Hewitt gehört zu den großen Bach-Spielerinnen unserer Zeit. Ihre Einspielungen zeugen von analytischer Intelligenz, Klangsensibilität und Empfindsamkeit, von makellosen Technik. „Live“ vermittelt sich dieser Eindruck jedoch nur eingeschränkt. Vielleicht ist es die beliebige Programmwahl, die eher Blicke auf Oberflächen zulässt als durch klanglich-emotionale Bezüge fesselt. Die kühle Perfektion der Kanadierin kulminiert in zwei Walzern von Gabriel Fauré, Glasperlenspiele der Belle Epoque. In Beethovens früher F-Dur-Sonate op. 10 Nr. 2 allerdings sind die Ecken und Kanten allzu glatt geschliffen, kommt in gesäuselten Triolen kein melodischer Bogen mehr auf.

Doch alle Wege führen zu Bach: Maurice Ravels „Tombeau de Couperin“ nimmt zum Schluss noch einmal Bezug auf die barocke Polyphonie, die Hewitt so grandios zu durchleuchten weiß. Das starr vor sich hintrauernde „Menuett“ wirkt als Fortführung der Sarabande aus Bachs „Englischer Suite“ Nr. 6, mit der Hewitt den Abend eröffnet hat. Ihre Neigung zu extremer Dynamik zwischen fast tonlosem Flüstern und harten Ausbrüchen zeigt sich hier als Kontrastreichtum einer fesselnden Klangrede. Auch ihre rasanten Tempi können der Klarheit von „Präludium“ und Gigue nichts anhaben – im Gegenteil, sie katapultieren sie in atemberaubende Heutigkeit. Isabel Herzfeld

KUNST

Kamelhaar

in Tomatenrot

In allen möglichen Wand-Lücken bis ins Treppenhaus hinunter hängen die Teppiche. Doch wo die Beleuchtung fehlt, kommt auch die Farbe nicht zur Geltung. Mit der Ausstellung Mythos Farbe präsentiert das Museum für Islamische Kunst Klassische anatolische Kelims aus der Sammlung des Österreichers Norbert Prammer – und der legt eigentlich besonderen Wert auf die Farbwirkung seiner Kelims aus dem 18. und 19. Jahrhundert (Pergamonmuseum, bis 11. 1.; Mo.–So. 10–18, Do. 10–22 Uhr).

Seit 1971 tauschen sich Orientteppich Enthusiasten alljährlich beim Volkmanntreffen aus. Der diesjährige „Kongress“ in Berlin – gekoppelt an die Ausstellung – stand im Zeichen des Kelim, jenes Flachgewebes der Nomaden für Wand und Boden, dessen Anfänge bis in die vorislamische Zeit zurückreichen. In trefflichem Kontrast zu den ikonografisch reichen Tierteppichen des Museums finden sich in Prammers Exponaten eher reduzierte Bildzeichen. Verblüffend „modern“ wirken die Streifenkelims, etwa aus Zentralanatolien, in dem breite Kamelhaarbänder mit feineren Streifen in Tomatenrot, Apricot und Dunkelblau zusammenspielen. Bei diesen Bildmustern ist die Deutung schwierig. Wahrscheinlich ist das Weltenmeer, das die Erde umspült, auf einem Kelim aus Zentralanatolien zu sehen. Man kann das Interpretieren aber auch unterlassen, auf dem Teppich bleiben und nur Form und Farbe bestaunen. Jens Hinrichsen

THEATER

Roadmovie mit

Schubkarre

Das Leben im Dunstkreis eines schrulligen Gebrauchtwagenhändlers (Michael Schweighöfer) ist auch eine Möglichkeit der Revolte. Zumal, wenn diese Unterweltgestalt – nach einer Figur aus Shakespeares „Heinrich IV.“ – Falstaff heißt. In der Box des Deutschen Theaters, wo man sich sonst nicht unbedingt abendfüllend an Shakespeare erinnert fühlt, versammelt Falstaff eine Art Nachwendejugendstricher-Clique um sich. Darunter: Der Bürgermeistersohn Christian (Niklas Kohrt) und Maik (Marek Harloff), dessen Mutter (Bibiana Beglau) gen Westen verschwunden ist und nun von den Jungs gesucht wird. Der junge Regisseur Robert Borgmann hat Gus Van Sants 1990er-Jahre-Kultfilm „My Own Private Idaho“ aus Portland, Ohio, nach Erfurt, Thüringen, verlegt und um eine knappe Stunde verlängert. Da es sich bei der Filmvorlage um ein Roadmovie handelt, hat die Theateradaption My Own Private Germany mit den typischen Genre-Problemen zu kämpfen: In Schubkarren simulierte Autoreisen und für Lagerfeuerromantik zweckentfremdete Scheinwerfer sehen schnell läppisch aus, wenn man kein ästhetisches Gegenprogramm zum Kino hat. Andererseits schaut man Schauspielern wie Beglau oder Schweighöfer meist sogar dann noch gern zu, wenn sie – trotz teils bedeutungsschwer aufgeladener Monologe – nichts bahnbrechend Neues über Germany zu verkünden haben. Und da es sich beim Box-Format um einen erklärten Versuchsraum für Jungregisseure handelt und Borgmann immerhin bewiesen hat, dass er seine Akteure zu einem (körper-)intensiven Spiel hochpushen kann, soll hier ruhig weiter probiert werden. Christine Wahl

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