Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Udo Badelt

KLASSIK

Lavieren und Taktieren

Sie können sich nicht entscheiden. Erst rückt ein Mitarbeiter der Philharmonie das Pult nach vorne, dann schiebt es Dirigent David Giménez wieder zurück, und es muss noch einmal verrückt werden, als José Carreras auftritt. Dann ist Schluss mit Lavieren. Carreras zeigt am Tag vor seinem 62. Geburtstag, was er drauf hat. Die charakteristische Klangfarbe seines Tenors ist kraftvoll, fast jugendlich. Und doch schimmert da eine Brüchigkeit hindurch, die sich anfühlt, als würde man im Spätsommer an einem See entlanggehen, Licht und Wärme auf der Haut fühlen und doch spüren, dass der Herbst längst da ist. Und so ist es Celine Byrne, die mit dunkel geschmiedetem Sopran auf der Bühne für echte Jugendlichkeit sorgt.

Die beiden touren durch sechs deutsche Städte, um Carreras neueste CD mit Liedern und Arien spanischer und italienischer Komponisten zu promoten. Doch trotz spanischem Dirigenten und Kastagnettenseligkeit gerät beim braven Spiel der Neuen Philharmonie Frankfurt kein Blut in Wallung. Wie überhaupt der ganze Abend ohne Begrüßung und Zwischenmoderation von einer gewissen Kühle geprägt ist, die ihren Höhepunkt in den eisigen Augen findet, mit denen Carreras das Konzert unterbricht, um einem Fotografen „Basta!“ zuzurufen. Auch da kennt er eben kein Lavieren. Udo Badelt

KLASSIK

Wir werden immer größer

An die Stärke von Ideen glauben, Menschen gewinnen und gemeinsam wachsen – das ist ein rares Gut. In Zeiten, die eine Inflation des Wortes „Krise“ mit sich bringen, wird es zur Mangelware. Vielleicht ist deshalb der Kammermusiksaal so gefüllt wie selten bei einem Abend von Spectrum Concerts. Der exquisiten Berliner Kammermusikreihe von Frank S. Dodge gelingt es, den Kreis ihrer Unterstützer beharrlich zu erweitern. In der 21. Saison präsentieren Spectrum Concerts eine beeindruckende Solistenriege, die sich jung und weltgewandt, neugierig und unsentimental mit Klassikern und ausgewählten Zeitgenossen auseinandersetzt.

Es sind beherzte Damen, die das musikalische Geschehen vorantreiben, während die Herren sich auf den noblen Gestus zarter Antworten verlegen. Die Pianistin Katya Apekisheva raut den milden Alterston von Brahms‘ Sonate für Klavier und Viola immer wieder auf, lockt Maxim Rysanov heraus aus seiner Rückschau, zurück in die Taumel des Lebens. Die Führungskraft des Abends aber ist Janine Jansen. Ob sie ihre Kollegen durch die Strudel des Klavierquartetts von Richard Dubugnon treibt oder Schuberts „Tod und das Mädchen“ als abgründiges Klangpanorama auskostet: Diese Geigerin liebt die Herausforderung. Seit zehn Jahren spielt sie bei Spectrum Concerts – und das Wachsen hat kein Ende. Ulrich Amling

KUNST

Sag es mit Plastikblumen

Als Kind sammelte die 1977 im georgischen Tiflis geborene Sophia Tabatadze Radiergummis mit Bildern und Aufschriften aus verschiedenen Ländern. Solche Mitbringsel waren etwas Besonderes, denn in der UdSSR gab es nur Einheitsradierer. In All My re-Collections im Studio 3 des Künstlerhaus Bethanien vereint die Osteuropa- Stipendiatin der Schering-Stiftung ihre Werke mit privaten Erinnerungsstücken (Mariannenplatz, bis 14. 12.; Mi-So 14-19 Uhr). So entsteht eine „mind map“, ein Netz aus Querverweisen zwischen ihren Werkideen. Sie reflektieren die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in Georgien und greifen Erfahrungen der Studienjahre in den Niederlanden auf. In ihren Fotografien, Videos und Installationen nutzt die Künstlerin Strategien der Rekonstruktion, Inszenierung und Imitation. In der Arbeit „From Flag to Flowers“ zeigt Tabatadze die Verwandlung eines Wohnblocks in Tiflis innerhalb von acht Jahren: Die äußere Erscheinung wird einheitlich bis zur uniformen Anbringung von Plastikblumen an den Balkonen als Kopie westlichen Lebensstandards. Charakteristisch für Tabatadze, die Georgien auf der Biennale Venedig 2007 vertrat, ist der Sinn für kontrastierende Materialien und die Umkehrung von innen und außen. Räume und Architektur nehmen dabei Züge von Porträts an. Claudia Funke

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