Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Wahl

THEATER

Großes Vergnügen

in klassischer Tiefebene

Schwer atmend dämmert Maximilian von Moor auf einer Sofalandschaft mit Gummizellen-Appeal vor sich hin. Herr von Moor befindet sich in einer Art Wachkoma: Jeder Satz, mit dem der intrigante Spross Franz (Sebastian Zimmler) dem Alten seinen Lieblingssohn Karl (Tilman Strauß) madig macht, wird mit einem extratiefen Röchler durch den Nasenschlauch quittiert. Neben der Couch versammelt das Intrigenopfer Karl, das man sich mit seiner langen Feinrippunterwäsche zu Stock und Melone als optische Mischung aus Mackie Messer und Johannes Heesters vor achtzig Jahren vorzustellen hat, bereits seine Rächer-Clique um sich. Und es dauert nicht lange, bis der hohe Schiller-Ton nahtlos in Queens „Bohemian Rhapsody“ übergeht.

So macht Schaubühnen-Schauspieler Lars Eidinger bei seinem Regiedebüt Die Räuber im Studio der Schaubühne nicht nur seinem Haupt-, sondern auch seinem Nebenberuf als DJ alle Ehre. Selbst Karls schöne, Karaoke singende Geliebte Amalia (Birte Schnöink) beginnt tiefsinnige Gespräche gern mit einem edel hingehauchten: „Mögen Sie Rod Stewart?“ Für Klassiker-Exegeten ist das nichts. Man amüsiert sich hier ausdrücklich unter Schillers und seinem eigenen Niveau. Und dort lacht es sich bekanntlich großartig! Eidinger, der als Hauptdarsteller in Ostermeiers „Hamlet“-Inszenierung auf der großen Bühne gerade selbst eine knallige Performance-Offensive hinlegt, sprudelt auch am Regietisch nur so über vor vitalen Ideen und lässt Trash und Tiefsinn sich lässig die Hand reichen. Mit seinen Darstellern, die bis auf Urs Jucker in der Vaterrolle allesamt Studierende der „Ernst Busch“-Schule sind, hat er so präzise und, ja, liebevoll gearbeitet, dass man von den schauspielerischen Hoffnungsträgern – allen voran Sebastian Zimmler als Franz – haltlos hingerissen ist. Lange her, dass man ein Theater derart gut gelaunt verließ! Christine Wahl

THEATER

Klassisches Hochgebirge

brav erklettert

„Habe nun, ach!“, sagt der greise Faust. Das kennt man. Aber nicht, dass dieser am vernünftigen Weltlauf Zweifelnde eine junge Frau ist, der sich ein weiblicher Mephisto zugesellt. Ein Gag? Mehr als das. In der Aufführung des Faust I durch Studenten der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ am bat-Studiotheater will Regisseur Robert Gallinowski seinen jungen Darstellern neue Möglichkeiten eröffnen (Belforter Str. 15, wieder am 17., 19. und 20. 12.). Entdeckungslust, Begehren, Verführung wachsen durch den Geschlechtertausch in eine andere Dimension. Erst in der Hexenküche hat der Frauen-Faust einem Kerl zu weichen, weil sich nun auch Mephisto ins Männliche hinüberbegeben hat – ein Versuch, die allzu bekannte Geschichte „fremd“ zu machen. Sonst aber lässt Gallinowski die Tragödie mit „bedächt’ger Schnelle“ schulmäßig herunterspielen. Ungestüm gibt es nicht, das klassische Hochgebirge wird von den sieben Studenten artig erklettert. Unter den Darstellern ragt der geschmeidige Mephisto des Matti Krause heraus. Laura Kiehne spielt den weiblichen Mephisto unter Einsatz weiblicher Anmut, den Faust teilen sich Julia Reznik und Michael Wächter. Staunend, auch verschüchtert die eine, liebesdurstig die andere. Katharina Susewind als Gretchen hat keine Scheu davor, das Mädchen so unverstellt zu spielen, wie es im Buche steht. Christoph Funke

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