Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann,Ulrich Pollmann

KLASSIK

Erfrischt an Geist und Seele

Vom Rummel vor der Tür ab in den Kammer musiksaal: Da herrscht nun fast schon zu viel Andacht. András Schiff ist in seinem Beethoven-Zyklus bei der legendären Hammerklavier-Sonate angelangt. Und Jürgen Otten zitiert in der Einführungsveranstaltung die Kirchenväter der Beethoven-Exegese von Adorno bis zu Joachim Kaiser mit ihren weihevollen Worten. Dass neben dem in jeder Hinsicht schweren Brocken Nr. 29 noch zwei grandiose Sonaten Nr. 27 und 28 auf dem Programm stehen, geht da unter, doch umso nachdrücklicher erinnert Meister Schiff daran: Er spielt die beiden Werke in einem großen gedank lichen Bogen hintereinander weg und schafft so eine Großform, die es mit der Hammerklaviersonate aufnimmt. Letztere wirkt dadurch weniger als Solitär denn als Zuspitzung des vorher Gesagten. Wie sich dieser Abend überhaupt durch seine gedankliche Stringenz auszeichnet. Mit deutlichen Doppelpunkten sind die durchdachten Formteile und Sätze aneinandergebunden. Ein heim liches Meisterstück des Abends ist das Perpetuum mobile des Finales der Sonate Nr. 27, das Schiff mit winzigen Variationen in der Anschlagsdynamik am Kreisen erhält und mit ebenso geringer äußerer Kraftanstrengung notwendig zum Anhalten bringt. Und so verlässt man das Haus weder von Größe erdrückt noch an Weihrauch erstickt, sondern an Geist und Seele erfrischt.

KLASSIK

Pianist in Champagnerlaune

Gleich im Dreierpack präsentiert das DSO in der Philharmonie junge Talente: Im Rahmen der Reihe Debüt im Deutschlandradio spielt der 23-jährige amerikanische Geiger Stefan Jacki das 3. Violinkonzert von Saint-Saëns mit glasklarem, bisweilen etwas kühlem Ton, findet aber im volksliedhaften Mittelsatz zu unverstellter Sanglichkeit. Dabei umschifft er die Grenze zum Kitsch geflissentlich. Mit reißend dann die tänzerischen Doppelgriffpassagen des Finales, danach eine ganz zarte Zugabe. Publikumsliebling des Abends wird der russischstämmige israelische Pianist Boris Giltburg. Er genießt Prokofjews 3. Klavierkonzert wie eine Champagner-Degustation. Geradezu spielerisch wirkt seine knochen trockene Präzision, ein Vergnügen, seinen Händen bei den Bewegungsabläufen zuzusehen. Den unzähligen Brüchen, Wechseln und Kontrasten des Werkes grübelt er nicht hinterher, er umarmt sie wie übermütige Kinder. Und legt mit Prokofjews Ballettmusik aus Romeo und Julia noch mal nach.

Überzeugen kann auch der Dritte im Bunde, der französische Dirigent Jean Deroyer. Er ist Spezialist für Neue Musik, arbeitete mit dem renommierten Ensemble Intercontemporain und dem Klang forum Wien nebst einer für einen 30-Jährigen schwer beeindruckenden Zahl anderer Klangkörper. Vor allem Magnus Lindbergs farbenprächtiges Werk „Feria“ entfaltet er zu hymnischer Expressivität, ein Paradestück auch für das bestens aufgelegte DSO. 

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