Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

POP

Die Katze gegen den Strich bürsten

Zur Befruchtung bedürfen die Blüten des Mainstream-Hip-Hop regelmäßig frischer Pollen in Gestalt unverbrauchter Produzenten. Zurzeit empfehlen sich da Mike Stroud und Evan Mast aus Brooklyn, die sich den Namen Ratatat gaben. Neben drei eigenen Werken erschienen zwei Remix-Platten, auf denen sie Missy Elliott und Kanye West mit French-Pop-Synthies und Glamrock-Gitarren über den Mund fahren. In ihren Instrumental-Skizzen verschmelzen Hip-Hop, Seventiesrock und die pluckernden Beats von auf indischen Flohmärkten erstandenen Drumcomputern. Mit einem Konzert im New Yorker Guggenheim Museum erfuhr Ratatat die Adelung durch die Hochkultur. In der Maria am Ostbahnhof wird verständlich, warum. Stroud gniedelt die Saiten mit der Anmut eines Yogi, während auf der Leinwand hinter ihm die Flammen hochschlagen. Mast pumpt konzentriert Bass und Beats dazu. Die Zwei-Mann- Band, das zeigt sich einmal mehr, ist das Format der Stunde. Der üppige Sound hat die Spannung einer gegen den Strich gebürsteten Raubkatze, ist melancholisch und exaltiert. Diese Musik ist schillernde Oberfläche, gleicht Jeff Koons’ Stahlskulpturen. Sie ist frei von Pose und Parodie. Wenn der Ausdruck „Weltmusik“ Sinn ergibt, dann hier. Kolja Reichert

ELEKTRO-TANGO

Operation am offenen Klangkörper

Vermutlich ist jeder Musikstil des globalen Dorfes schon mal zum Rohmaterial für Technobeat-Bastler geworden. Gotan Project haben sich den Tango für ihre Manipulation am Klangkörper ausgesucht. Keine schlechte Wahl: Die rhythmische und melodische Struktur des Tango ist so kräftig, dass ihr die Grobschlächtigkeit der untergeschobenen Brachial-Beats nichts anhaben kann. Vielmehr entsteht durch den Aufprall eine Verstärkerwelle, die das Zeichenhafte beider Elemente hervorhebt. Im Tempodrom agieren Gotan Project zunächst schemenhaft hinter einer transparenten Leinwand. Davor tanzt ein in Weiß gekleidetes Paar Tango – zwischen Verführung und Verspanntheit. Dann fällt der Vorhang und gibt den Blick frei auf die sechsköpfige, von einem Streichquartett verstärkte Formation. Nino Flores am Bandoneon und Eduardo Makaroff an der akustischen Gitarre sind das traditionelle Herz, um das die Chefrhythmiker Philippe Cohen Solal und Christoph H. Müller in breiten Arterien das Blut zirkulieren lassen. Manchmal verlieren sich Gotan Project in den Klischees zwischen der Nieselregen-Melancholie des Tango und dem Körperkult der Großraumdisco. Immer wieder aber gelingen ihnen Momente grandioser Synthesen, die Fragen nach dem Warum der gewaltsamen Operation in den Hintergrund rücken. Jörg Wunder

FOTOGRAFIE

Was vom Leben übrig bleibt

Zwei Fotos aus den 1930ern: Hier stellen sich verhärmte peruanische Arbeiter zum Familienfoto auf, dort blicken zwei junge Großgrundbesitzer stolz, eine Spur arrogant sogar in die Kamera. Das Objektiv des Peruaners Baldomero Alejos (1902–1976) dokumentierte Ungleichzeitigkeiten der Moderne. Die Schau des Museums Europäischer Kulturen und des Ethnologischen Museums öffnet mit etwa 60 Fotos das Archiv dieses Chronisten peruanischen Lebens vor dem Bürgerkrieg zwischen 1980 und 2000, der fast 70 000 Menschen das Leben kostete. Auf Alejos’ Bildern deuten sich die Umbrüche an (Museen Dahlem, Arnimallee 25, bis 11. 1., Di–Fr 10–18, Sa u. So 11–18 Uhr, Katalog 24 €).

Die Schwarz-Weiß-Abzüge entstanden vor allem in Ayacucho, wo Alejo 1924 ein Fotoatelier eröffnete und fast 50 Jahre kleinstädtischen Lebens ablichtete, selten die Politik, oft aber das Politische im Privaten: Familien, Feste, Kirchengänge oder sportliche Ereignisse sind Sujets der Bilder. So präsentiert sich eine Juniorinnen-Volleyballmannschaft auf einer (leider undatierten) Fotografie. Erschütternd das Bild eines Elternpaars, das sich mit dem festlich geschmückten Leichnam seines Kleinkindes fotografieren lässt. Babyfotos waren noch unüblich, daher wurden solche Post-mortem-Bilder oft als einzige Erinnerung an das Kind angefertigt. Ein Ausstellungsexkurs verknüpft die Atelierpraxis Südamerikas mit der europäischen Fototradition in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jens Hinrichsen

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