Kultur : KURZ & KRITISCH

Eva-Maria Träger

KUNST

Weltpolitik

auf der Wirtshausbühne

Kunstinteressierte Laufkundschaft ist selten rund um das ehemalige Haus Ungarn unweit des Alexanderplatzes. Dennoch fanden die Kuratoren der Ausstellung Die Deklaration hier, was sie suchten: einen großen Raum für ein großes Gemälde von einem großen kroatischen Künstler (Karl-Liebknecht-Str. 9, bis 20.12.; Di-Sa, 12-18 Uhr). Tatsächlich entfaltet Lovro Artukovics Bild mit dem überlangen Titel „Unterzeichnung der Deklaration über den Anschluss von Westherzigowina und Popove Polje an die Republik Kroation (Wer hat das Bier bestellt?)“ hier eine fast sakrale Wirkung – Besucherscharen würden nur stören.

Nur wenige Scheinwerfer beleuchten Artukovics Abendmahl im schmucklosen Saal. 22 Freunde unterschiedlichster Herkunft und einen Hund hat der in Berlin lebende Künstler verewigt. Damit will er nicht nur ihre individuellen Schicksale festhalten. Er inszeniert auch die Geschichte seines Heimatlandes, in Anlehnung an das Dayton-Friedensabkommen – der Vertrag, der 1995 der Krieg in Bosnien, Herzegowina und Kroation beendete.

Jedem seiner Freunde hat Artukovic eine Rolle zugewiesen, als EU-Beobachter, als Präsidenten, als Berater, in der Szenerie einer Berliner Kneipe. Der Dokumentarfilm „L. A. Unfinished“, L.A. für Lovro Artukovic, zeichnet die Entstehung des Werkes nach: von ersten Stellproben bis zur Retrospektive im Mai 2008 in Zagreb, auf der das Bild noch unfertig war. „L. A. Unfinished“ ist ein ausgedehnter Atelier-Besuch, eine Auseinandersetzung mit Artukovics Arbeitsweise, seinen Modellen und seinen Motiven. Gemälde und Film regen intensiv zur weiteren Beschäftigung an – mit Künstler und Geschichte. Eva-Maria Träger

KLASSIK

Karierte

Klänge

Irreführend, dass das Programmheft zum Abend mit Thomas Quasthoff und dem Freiburger Barockorchester unter Gottfried von der Goltz eine „CD zum Konzert“ bewirbt. Eher ist es umgekehrt, eher nämlich gibt es ein Konzert zur CD, die nun außerdem per Poster und Autogrammstunde mit dem Publikumsliebling Quasthoff unters Volk gebracht werden soll: italienische Arien und Symphonien von Haydn, dazu Musik von Carl Ditters von Dittersdorf und Franz Ignaz Beck.

Von der Goltz macht den Konzertmeister, Quasthoff ist in der Philharmonie vorm Orchester plaziert wie ein Dirigent.

Für ihn, der bislang nur wenige Bühnenrollen angenommen hat, bedeuten die Arien aus der „Armida“ oder dem „Orlando Paladino“, die Haydn für das Hoftheater im abgeschiedenen Eisenstadt schrieb, ein schönes Repertoire; die Mini-Geschichten von Helden- und Edelmut, von Zorn und Innerlichkeit ermöglichen es ihm, seine Stimme hell, geradezu heldenbaritonal einzufärben, sich den vielen hübschen Affektwechseln ebenso hinzugeben wie den Ausflügen ins ganz schwarze Bass-Fach und bei all dem noch virtuos zu agieren.

Dass man länger an der Einstudierung gesessen hat als andernorts üblich, hört man dem Abend an. Freilich erzeugt die Perfektion, zumal wo sie das Orchester betrifft, auch Gleichförmigkeit. Der authentisch alte Klang rutscht mitunter ins Strohige ab, die absolute Überlegenheit, mit der das Barockorchester musiziert, schafft Hermetik. Dabei trumpft man immer wieder mit Trouvaillen auf, Dittersdorfs Symphonie über „Die Verwandlung Aktaeons in einen Hirsch“, mit fröhlichen Jagd-Passagen und wie versunken wirkenden Klangflächen. Oder der Ouvertüre zu Becks „Tod des Orpheus“, einem geradezu karierten Stück Musik aus Bedächtigkeit und Sturm zu gleichen Teilen. Die Längen in Haydns Symphonie d-Moll Hob. I: 80 tilgt das Finale mit seinem kuriosen Anfang, der klingt wie ein stotternder Musik-Motor. Christiane Tewinkel

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