Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Patrick Wildermann

THEATER

So nah

als wär’ man da

Craig Venter hat blaue Augen, eine Glatze, und er segelt gerne. Sein komplett sequenziertes Genom ist im Internet einsehbar, und es unterscheidet sich um 0,1 Prozent von dem einer Frau, die Miriam Yung Ming Stein heißt. Gemeinsamkeiten zwischen dem US-Gen-Pionier und dem südkoreanischen Adoptivkind fallen nicht ins Auge, außer vielleicht der Tatsache, dass Miriams Genom nun ebenfalls öffentlich einsehbar ist, weil es als Folie den Bühnenboden des HAU 1 bedeckt, wo die Journalistin aus ihrem Leben erzählt. Sie wird im Verlaufe des Abends 276 Mal ‚Ich’ sagen – und doch nie wissen, wer damit eigentlich gemeint ist.

Die Regisseure Helgard Haug und Daniel Wetzel der Gruppe Rimini Protokoll begeben sich in „Black Tie“ mit ihrer Protagonistin auf eine Identitätssuche, die beim Fund des Babys im südkoreanischen Daegu beginnt und in die entwurzelte Kindheit bei Osnabrücker Adoptiveltern führt (wieder am 13. sowie vom 15. bis 17. Dezember). Die Rimini-Dokumentaristen haben sich bei ihren Navigationen durch die prekären Bühnenrealitäten selten verirrt, aber diese Inszenierung zählt zu ihren stärksten überhaupt. Zumal die herkunftslose Frau Stein eine überaus talentierte Performerin ihrer selbst ist. Ihre Geschichte wirft, wie so oft bei Rimini Protokoll, eine Reihe inspirierender Kollateralfragen auf: Nach dem tatsächlichen Altruismus von Adoptionsjunkies und anderen Erste-Welt-Helfern zum Beispiel.

Und vor allem nach den Grenzen des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns. Miriam hat ihr Erbgut analysieren lassen. Seitdem weiß sie, dass ihre Mutter von einer Gruppe von Frauen abstammt, die vor 60 000 Jahren von Afrika nach Arabien gezogen sind, das erkennt man an einer Mutation der Mitochondrien. Außerdem weiß sie, dass sie ein zu 74 Prozent erhöhtes Risiko hat, an Alzheimer zu erkranken, also insgesamt ein Risiko von 20,9 Prozent. Mit diesem Ausblick ins Vergessen endet der Abend, der die Frage stellt, woraus wir gemacht sind. Näher kann Theater ja kaum bei sich selbst sein. Patrick Wildermann

KLASSIK

Bitte

nicht schmettern

So viel Ende im Anfang. Dem Zögern und Tasten folgt gleich das Ersterben, abwärts strebt alle Welt, und in den Fortissimo-Kulminationen manifestiert sich die schiere Vergeblichkeit. Ein Verzweiflungstäter, der auf der Stelle tritt. Christian Thielemann gab mit Bruckners Achter seinen Einstand als Chef der Münchner Philharmoniker, 2007 gastierte er mit dem Monumentalwerk mit den Wienern in Berlin, nun stemmt er die Achte mit den Berliner Philharmonikern. Und wieder wird der Abend zum Ereignis, von der Todesmusik des Kopfsatzes bis zum Nachhall der (wie bei Karajan) behutsam ausgebremsten C-Dur-Finalschläge. Die Philharmonie seufzt auf, vor lauter Spannung in einem Atem vereint.

Thielemann, der Deutliche, Thielemann, der Zärtliche. Unglaublich die Spannweite seiner Arme und seines Formbewusstseins, mit dem er das schwer fassliche Sinfonie-Ungetüm jederzeit im Griff hat – ein kompakter Klang, der nie klumpt. Unerhört Thielemanns Fingerspitzenverweise, mit denen er den Celli fast wienerisches Singen und Weinen entlockt, aus Bruckners Motivverwehungen, Paukenwirbeln und hauchfeinen Streichertremoli in Sekundenschnelle Akkordgranitsäulen schafft und allein mithilfe der Dynamik Raumwirkungen herbeizaubert. Keine Architektur, sondern ein Klangkörper aus Fleisch und Blut. Musik, die einen anfasst.

Thielemanns Bruckner ist so ehern, katholisch und wagnerisch, wie es Bruckner gebührt, er ist durchpulst vom Taktschlag der Unerbittlichkeit, aber er ist niemals zu laut. Er ersetzt den Marsch durch den Choral. Einen säkularen Choral, voller verbindlicher Demut, die das Adagio in einen selbstvergessenen, den Makrokosmos im Mikrokosmos spiegelnden Augenblick der Ewigkeit verwandelt. Und kein Kosake stürmt durchs Finale, sondern ein Himmelsreiter mit federndem Tritt. Thielemann, der sanfte Preuße: Er gibt nicht nach und geht doch in die Knie, weicht zurück, fordert die Philharmoniker ihrerseits zur Zurückhaltung auf. Bitte nicht schmettern; letzte Worte sind von anderer Intensität. Ovationen. Christiane Peitz

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