Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Ich Stein,

du Berlin

Auch wenn Seeed zu den erfolgreichsten deutschen Bands der letzten Jahre gehören, war die enorme Resonanz auf den Alleingang ihres Sängers Peter Fox nicht zu erwarten. Beim Abschluss seiner ersten Tournee ist die Columbiahalle gleich zwei Mal ausverkauft: Mit Sonnenbrille und Kapuzenshirt-Sakko-Kombination gibt Fox den Impresario einer 13-köpfigen Crew mit Backgroundsängern, Bläsern und der Marching Band Cold Steel: vier Trommelvirtuosen, in den Konfektionsgrößen XS bis XXL, deren artistische Drumstick Choreografien Szenenapplaus ernten.

Peter Fox’ urbane Hymnen treffen einen Nerv: Die über den Reggae- und Dancehall-Kosmos von Seeed hinausgreifenden Songs verhandeln in kraftvollen Texten die typische Berliner Gemengelage zwischen Abscheu und inniger Liebe. So ist „Fieber“ die klimakatastrophische Dystopie von „Dickes B“, besingt „Haus am See“eine arkadische Spree-Idylle und schnurrt „Ich Steine, Du Steine“ als psychedelische Straßenschlucht-Ballade ab. Weil die zwölf Titel des Soloalbums kein vollwertiges Konzert ergeben, mischt er unter großem Jubel Hits der „geilsten Band des Universums“ dazu: „Schwinger“, „Aufstehn“ und „Dickes B“ im robusten Elektrobeat-Remix belegen, welch grandiose Tanzflächenfüller Seeed im Repertoire haben. Dass Peter Fox mit Krachern wie „Schüttel deinen Speck“ mithalten kann, ist das verblüffende Fazit der 80-minütigen Sause. Der beste deutschsprachige Pop 2008. Jörg Wunder

THEATER

Du Geld,

wir Liebe

Alles ist aus, der letzte Schmuck verspielt. Rettung erhoffen sich die Petersburger Großmäuler um Fürst Belski nur noch vom Besuch bei der reichen Tante irgendwo im dörflichen Abseits. In seiner Komödie Kasatka lässt Tolstoj die charmanten Tunichtgute mit ländlicher Tugendhaftigkeit zusammenprallen – bis sich erotische Bindungen fügen, wie die Gesetze des Genres es vorschreiben.

Zu sehen war der freundlich-dramatische Versuch im Theater am Kurfürstendamm, als Gastspiel des Leningrader Jugendtheaters an der Fontanka im Rahmen der St. Petersburger Theaterspielzeit in Berlin. Vier Bühnen aus der Stadt an der Newa luden zur Begegnung mit einer reichen, traditionsbewussten Theaterlandschaft – der erhoffte „Brückenbau“ gelang leider nicht. Das Berliner russische Publikum blieb ganz unter sich; schon Programmheft und Übersetzungshilfe waren ohne Russischkenntnisse kaum zu bekommen. Vorgeführt wurde „Kasatka“ mit einer rührend naiven Versenkung in Weltschmerz und Liebesjubel, mit der ungebremsten Hingabe an die Aufschwünge und Abstürze eines großen Lebens, dem das Geld fehlt. Gestisch direkt und ausdrucksstark bis zu ironischer Zuspitzung, fackelte das traumwandlerisch aufeinander eingespielte Ensemble nicht lange, um Gefühlen auch mit Gesang und tänzerischer Leichtigkeit Unterhaltsamkeit zu verleihen. Für deutsche Betrachter ein Blick zurück in Zeiten, als herzwärmende Harmonien noch möglich schienen. In St. Petersburg hat die Aufführung seit 1999 einen geradezu märchenhaften Erfolg – bis zum heutigen Tag. Christoph Funke

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