Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Volker LükeD

ROCK

Schwarze Seele,

weißer Punk

„Motor City Baby!“ schallt es aus dem Magnet, wo die Dirtbombs aus Detroit ihren Garagensoul in den Dunst blasen. Angeführt wird das Quintet von ihrem schwarzen Sänger und Gitarristen Mick Collins, der bereits in den achtziger Jahren mit den Gories den Punkrock zurück zur Wurzel des Rhythm’n’Blues führte und mit den Dirtbombs schwarze Musikformen auf das Energielevel und die Geschwindigkeit von Hardcorepunk bringt. Dabei benutzt er den gleichen Kniff, mit dem Ornette Coleman schon „Free Jazz“ vorangetrieben hat: Er lässt sich von einer doppelten Rhythmusgruppe zur Höchstleistung anspornen . Prächtige Garagenrocksongs erheben ihr Haupt, schimmernde Coverversionen wie „Ode To A Black Man“ von Thin Lizzy und „Kung Fu“ von Curtis Mayfield. Rauer Knochen-Funk, Glamrock, High-Voltage-Ekstase-Soul und verzweifelte Wut verdichten sich zu einem Sound, der druckvoller ist, als alles was die White Stripes je gemacht haben. Ein gebieterisches Unterleibsgrollen, nacktes Glück, supercool. Mit Sonnenbrille auf der Nase steuert Collins mit seiner abgeschabten Fendergitarre vom aus der Hüfte geschüttelten Hendrix-Wirbel zum schmutzigen Punkrock-Riff, um sich dann wieder als Mischung aus Ray Charles und Joey Ramone die Seele aus dem Leib zu brüllen. Da steht er: Mick Collins, der Barack Obama des Trash-Rock, erschöpft wie ein Bulle, der gerade eine ganze Herde bestiegen hat, aber immer weiter rockt, um seine Botschaft zu verkünden: „Shake it Baby!“ Und das Publikum antwortet: „Yes, we can.“ Volker Lüke

KLASSIK

Barocke Schwere,

frühklassische Leichtigkeit

Wer in der Aufführung der Quarta Messa von Marianna Martines nur eine Verbeugung vor einer der wenigen Komponistinnen vermutete, sah sich angenehm überrascht: Was die Lautten Compagney und die Berliner Cappella im Konzerthaus zu Gehör bringen, ist eine hochkarätige Abwechslung im vorweihnachtlichen Konzertmarathon. Die 1744 in Wien geborene Komponistin, von einem Italiener mit dem wunderbaren Namen Metastasio früh gefördert, erlangte über Wien hinaus Ruhm als Sängerin, Cembalistin und Komponistin. Mit ihrer vierten Messe markiert Martines den Übergang zwischen Barock und Frühklassik, das noch ganz in barocker Schwere komponierte Agnus Dei und die wunderbar dichte Fuge des Cum Sanctu Spiritu verweisen noch auf Bach und Händel.

Ansonsten dominiert ein leichterer Tonfall, der schon Haydn und Mozart erahnen lässt. Das Et incarnatus zeigt sich als Meditation über die Fleischwerdung Christi samt symbolisch-rhythmischer Ausdeutung der Kreuzigung. Fein abgestufte frühklassische Empfindsamkeit dominiert dann das Et resurrexit. Die groß besetzte, aber niemals laute Cappella und das mit zwei Lauten im Basso Continuo ausgestattete Ensemble unter der Leitung von Kerstin Behnke hat sichtlich Freude an diesem unverbrauchten Werk. Viel Applaus. Ulrich Pollmann

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