Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Daniel Wixforth

KLASSIK

Es muss nicht immer

gleich Walhall brennen

Als Ingo Metzmacher nach fast drei Stunden Musik die unbequem-schwere Stille genüsslich auskostet, sie bis zum Äußersten dehnt, da bleiben zwei Dinge besonders haften: Die Tragödie der ausgestoßenen und nun gestorbenen Königskinder und die Erkenntnis, dass es kein brennendes Walhall braucht, um musikdramatische Gesellschaftskritik zu üben. Engelbert Humperdincks Märchenoper Königskinder besitzt die Wagnersche Radikalität gewiss nicht – auch nicht musikalisch, obgleich hier vieles an den Bayreuther erinnert. Dafür haftet dem Stück ein zeitlos-spielerischer Ton an, den das DSO in der Philharmonie facettenreich aufgreift, ihn aber durch subtile musikalische Dramatik immer wieder infrage stellt (wieder am heutigen Mittwoch, 19 Uhr). Ob beim aufschreckend dissonanten Akkord am Beginn des dritten Aktes oder bei der Dekonstruktion der Anfangsmotivik: Das tragische Ende, das selbst dieser konzertanten Aufführung innewohnt, wird vom Pult aus früh angekündigt. Die Gänsemagd bekommt davon zum Glück nichts mit. Juliane Banse besticht durch Naivität. Sie singt einen unaufdringlichen und emotional doch aufgeladenen Sopran, dass ihr „Vater! Mutter! Hier will ich knien!“ zum Höhepunkt der Aufführung wird. Auf solch hohem Niveau bewegt sich auch Christian Gerhaher als Spielmann, dessen Bariton zwischen Klage und Verzweiflung eines ebenfalls von der Gesellschaft Verbannten schwebt. Gabriele Schnaut als Hexe und Klaus Florian Vogt als Königssohn wirken dagegen zu kraftlos, um sich durchzusetzen gegenüber einem DSO, das an diesem Abend so verblüffend vieles mitzuteilen weiß. Daniel Wixforth

KUNST

Treffen sich zwei im Museum,

und dann ist einer tot

Phallisch ragt die Stele des Künstlers Dieter Lutsch zweieinhalb Meter in die Höhe. Sie scheint vollends aus dem Schaum gemacht, der von oben herabsprudelt. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Stiftung Starke soll man das Augenmerk allerdings auf das Weiß des Seifenschaums richten – denn so lautet das Thema der Gruppenschau mit 15 Künstlern. Mindestens eine Lehre zieht der Besucher im Löwenpalais schnell: Weiß existiert gar nicht. Seifenblasen schimmern in allen Farben, und auch Markus Shimizu lässt mittels seiner Projektorskulptur „Fiat Lux“ einen Regenbogen aus angeblich weißem Licht über Wände wandern (Königsallee 30/32, bis 25. 1., Mo-So 10-16 Uhr). Zum sprichwörtlich offenen Überbegriff dürfte jeder Künstler etwas auf Lager haben, so dass fast alle Medien vertreten sind. Schade, dass Till Beckmanns Monitor unglücklich über der Treppe platziert ist. Sein Video „Schneefall in Berlin“ zählt zu den stärksten Beiträgen. Während eines Schwenks über verschneite Parkflächen und kahle Bäume löst sich das Bild sacht in auseinanderstrebende Rechtecke auf: ein Kaleidoskop, eine digitale Schneekugel. Während Anita Stöhr Weber und Susanne Jung bestens bekannte Malereipositionen – von Robert Ryman bis Ad Reinhard – noch einmal in Hell durchbuchstabieren, siedelt George Drivas seine Videoerzählung „Closed Circuit“ aus Standbildern, Zwischentiteln und verbindenden Weißblenden gleich im Museum an: Zwei lernen sich in einer Kunstausstellung kennen. Am Schluss ist er tot und sie verschwindet. Wohin? Wer weiß. Jens Hinrichsen

FOTOGRAFIE

Bürokraten aller Länder,

setzt euch!

In Kafkas Werk ist sie Anlass für Ohnmachtsgefühle, von anderen Künstlern wird sie gern karikiert, der gemeine Bürger plagt sich bisweilen mit ihr : Die Bürokratie ruft unterschiedlichste Reaktionen hervor. Entziehen kann sich ihr niemand. Der Niederländer Jan Banning hat sich fotografisch damit auseinandergesetzt, reiste durch verschiedene Erdteile und porträtierte Polizisten, Verwaltungsangestellte, Gouverneure in ihren Amtsstuben und Regierungszimmern. Seine Serie Bureaucratics in der Cicero Galerie für politische Fotografie zeigt Bilder aus Indien, Russland, Liberia, Frankreich oder den USA (Rosenthaler Str. 38, bis 24. 1., Di-Fr 12-19 , Sa 11-16 Uhr). Sie haben eines gemeinsam: Als Betrachter nimmt man die Perspektive des Antragstellers ein, blickt leicht von oben auf die Staatsdiener hinter ihren Schreibtischen herab. Bannings Aufnahmen sind ein Zeugnis kultureller Unterschiede. Da ist die jemenitische Agraringenieurin, die hinter einem leeren Holztisch sitzt, während die Sekretärin eines russischen Bürgermeisters an Marmor vor drapierten Vorhängen residiert. Es ist jedoch kein mitleidiger Blick, den der studierte Historiker Banning auf die Protagonisten wirft. Seine Kunst verleiht allen Porträtierten Würde. Stefanie Erhardt

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