Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Feuervogel im Goldkäfig

Seltsam, dass das Programm dieses Abends vollständig auf das Feinnervige setzt, auf Leichtigkeit und Atmosphäre, während Christoph von Dohnanyi am Pult sich fürs Konkrete interessiert, für die Bodenhaftung der musikalischen Gestalten bei Elliot Carters Sechs-Minuten-Stück „Remembrance“ von 1988, bei Mendelssohns Italienischer Sinfonie und bei Strawinskys Ballettmusik „L’Oiseau de feu“ von 1910. Leider entsteht in der Philharmonie keine Spannung aus diesem Kontrast. Von Dohnanyi nivelliert so energisch wie gediegen alle Binnenspannungen, etwa die zwischen Mendelssohns heiterer Italianità und seinem robustem nordischen Zungenschlag. Kraftvoll der Kopfsatz der Vierten, forsch der Einsatz des Andantes, keine Sentimentalitäten beim Menuett – und im Saltarello tanzt die Staatskapelle hurtig dem Ende zu. Dabei spannen die Musiker der Staatsoper sinnfällige Bögen, wenn sie wie in Carters Memorandum für den Neue -Musik-Mäzen Paul Fromm zauberhafte Klanggeometrien zeichnen und weniger das Gegeneinander der Tempi oder der Solo-Tutti-Wechsel betonen als das aufmerksame Miteinander.

Solidarität ist bitter nötig in diesen Zeiten: Oboe, Fagott und Klarinette singen im „Feuervogel“ ein Lied davon. Aber auch bei Strawinsky vermisst man den Zauber, das Exotische, den bis heute betörenden Farbenrausch mit Posaunen-Glissandi, Flöten-Flatterzunge und Streichertremolandi. Hier wird allzeit akkurat getanzt, im französisch gestutzten Schlossgarten des Zauberers Kastschej. Der Märchenvogel: im Goldkäfig. Christiane Peitz

POP

Dampfende Klampfen

Eng rückt die Band auf der kleinen Bühne des Columbiaclubs zusammen. Atmosphäre eines englischen Sechziger-Jahre- Clubs. Schwarze Anzüge, dünne Schlipse. Und vorneweg der kleine Paul Carrack am E-Piano. Er singt „How Long“ von 1974, den ersten Hit seiner damals famosen Pubrock-Band „Ace“. Und wie es dann losgeht! Die von allen Wettern gegerbten Musiker legen sich ins Zeug. Gitarre, Bass, Drums, Saxofon, Trompete, Backgroundsängerin und ein Keyboarder, der an seinem Instrument sitzt wie an der Bar: dampfender Soul-Sound. Jeder Ton auf dem Punkt, wie auch Carracks herausragende Stimme. Seine große Stärke, sowohl als Komponist wie auch als Sänger, sind Midtempo-Soul-Balladen. Wobei das Timbre an den großen Sam Cooke erinnert. Carrack spielt akustische und elektrische Gitarren, wechselt vom E-Piano ans leichte „Roland VK-8“ für schwere Hammond-B3-Klänge. Jede Menge Kostproben vom neuen Album „I Know That Name“. Und die eigenen Hits, die er als Sänger verschiedener Bands hatte: „Tempted“ mit Squeeze, „Over my Shoulder“ mit Mike and the Mechanics. Zum Schluss eine berauschende Version von Marvin Gayes „What’s Going On“. Carrack zeigt lässig, was für Stimmchen all die Duffys, Amys und Adeles doch haben. Aber da die Welt ungerecht ist, singt er nur vor kleinem Publikum, das ihn umso mehr liebt. H. P. Daniels

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