Kultur : KURZ & KRITISCH

Patrick Wildermann

THEATER

Licht und Dunkel

Es ist die alte Geschichte von denen im Dunkeln und denen im Licht. Im Theater sind die Augen und Scheinwerfer ja immer bloß auf die Schauspieler gerichtet, während diejenigen, die überhaupt für Strom, Beleuchtung und Bühnenzauber sorgen, die Techniker nämlich, ein unbeachtetes Heinzelmännchen-Dasein fristen. Das Theater-Kollektiv Showcase Beat Le Mot kehrt diese Aufmerksamkeits-Hierarchie nun aber überfälligerweise um und lässt in seiner jüngsten Produktion On # No – Stromsturm für Elektra (wieder heute und am 20.12., 19.30 Uhr) ausschließlich Techniker des Hebbel am Ufer agieren.

Die Bühne den Werktätigen – sehr sozialistisch gedacht. Ein paar sehr eloquente Hinterhaus-Existenzen haben die Showcase-Performer da entdeckt (die Armen, aus Platzgründen müssen sie auch hier wieder namenlos bleiben), die das Publikum tief ins mechanische Herz des Theater-Apparates blicken lassen und mit Metier-Histörchen über die Aufführungspraxis im Wandel der Zeiten glänzen. Die Jungs (und die einzige Frau in dieser Männerwelt) wissen alles über die abgasintensiven Anfänge des elektrischen Lichts, über die enormen Brandschutzkräfte des eisernen Vorhangs, über die staunenswerte Wechselbeziehung zwischen Schnürboden und christlicher Seefahrt. Sie sind die wahren Experten des Bühnenalltags.

Leider aber gelingt es dem Showcase-Quartett nicht, im Gegensatz etwa zu Rimini Protokoll, eine gute Doku-Idee auch in ein funktionierendes dramaturgisches Konzept zu überführen. Der Abend ist eine Nummernrevue mit Höhepunkten und Durchhängern, keine Erleuchtung. Patrick Wildermann

FOTOGRAFIE

Flechtwerk eines Wahnsinnigen

Am 7. Januar 1898 ging die Borsigmühle in der Moabiter Stromstraße in Flammen auf. Zwei Wochen wütete das Feuer, so dass die Eisenträger im Inneren der Mühle später dem „Flechtwerk eines Wahnsinnigen“ glichen, wie ein zeitgenössischer Zeitungsbericht vermerkte. Festgehalten wurde die Katastrophe in Fotografien, die im Auftrag des Preußischen Handelsministeriums entstanden.

Eigentlich lautete die Aufgabe an die Fotografen zwischen 1860 und 1918, „die hervorragenden Bauwerke des Preußischen Staates in den verschiedenen Stadien ihrer Ausführung, sowie in ihrer Vollendung in Lichtbildern festzuhalten“. Gelegentlich aber geriet anstelle der Konstruktion die Katastrophe in den Fokus. Unter den beauftragten Fotografen waren herausragende Vertreter wie Albert F. Schwartz oder Hermann Rückwardt. Eine kleine Auswahl der rund 1300 Bilder aus dem Bestand der Staatlichen Preußischen Architekturfotografie des Architekturmuseums der TU hat nun Kurator Benedikt Goebel zusammengestellt (Galerie des Architekturmuseums der TU-Berlin, Straße des 17. Juni 150, bis 5. 2., Mo–Do 12–16 Uhr, vom 22.12. bis 2.1. geschlossen).

Es sind Momente des radikalen Wandels, der Modernisierung der Verkehrswege durch Bauwerke, die in den Bildern festgehalten werden. Die Szenerien sind beeindruckend. Etwa wenn man der Montage der Kaiser-Wilhelm-Brücke bei Müngsten 1897 folgt, der größten Bogenbrücke Deutschlands. Gelegentlich besitzen die Fotos auch eine anrührende Facette. So bei den Aufnahmen der Eisenbahnfähre bei Rheinhausen von 1866. Sie war bis 1874 in Betrieb, dann wurde die Rheinbrücke bei Duisburg eröffnet – der Fortschritt hatte sich selbst überholt.Jürgen Tietz

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