Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg W,erD

HIP-HOP

Getauft und gefedert

Oft sind Hip-Hop-Konzerte eine öde Angelegenheit: Irgendwelche Typen machen auf dicke Hose und fuchteln wild mit den Armen rum. Anders Deichkind: Die Hamburger haben das durchgeknallte Partyspektakel ihrer Auftritte zum Markenzeichen gemacht. Folglich ist das Publikum in der Columbiahalle zu jedem Exzess wild entschlossen. Und Deichkind sind gewillt, ihren Ruf zu verteidigen: Mit neongrellen Fantasieuniformen und bizarren Helmen turnen sie auf einem schwarzen Pyramidenpolygon herum, das aussieht, als könne es jederzeit zum Weltraumflug starten.

Nach dem programmatisch tumultuösen „Remmidemmi“ wird die Chaosschraube ständig nachgezogen: Enthemmt hüpfen die Nordlichter auf Trampolinen rum, rackern sich an martialischen Trimmgeräten ab oder gleiten im Schlauchboot über das wogende Menschenmeer. Es gibt Bungee-Springer, flatternde Riesenvögel und die unvermeidliche Alkoholdusche bei der Säufer-Internationale „Hört ihr die Signale“. „Ich und mein Computer“ entpuppt sich als liebevolle Kraftwerk Veräppelung, „Arbeit nervt“ hat als Hedonisten-Hymne Stadionpotenzial, und selbst ältere Gassenhauer wie „Bon Voyage“ oder „Limit“ bringen die Halle zum Beben. Ein echter Gewinn ist Neuzugang Ferris MC, dessen Rap-Routine den anderen noch mehr Freiraum für ihre Spinnereien einräumt. Nach anderthalb Stunden scheint keine Steigerung mehr möglich, aber Deichkind hauen als Zugabe nochmals „Remmidemmi“ raus und feuern den Inhalt diverser Kissen ins tobende Publikum. Das sieht danach aus wie gerade einem Schneesturm entronnen. „Impulsive Menschen kennen keine Grenzen.“ Wie wahr! Jörg Wunder

FILM

Verheiratet und verfolgt

Abel Turner (Samuel L. Jackson) schaut durch die Jalousien seines Schlafzimmerfensters in den Garten der Nachbarn. Was er dort sieht, gefällt ihm nicht. Ein junges Paar sitzt auf den Umzugskartons. Frisch verliebt. Frisch verheiratet. Er ist weiß. Sie ist schwarz.

Im Stil eines Vorstadtthrillers erzählt Neil LaButes Lakeview Terrace (in fünf Berliner Kinos, Originalfassung im Cinestar Sony-Center) von den Nuancen des Rassismus, der dem Paar nicht nur von dem afroamerikanischen Nachbarn entgegenschlägt. Auch Lisas Vater ist von dem weißen Schwiegersohn Chris (Patrick Wilson) nicht angetan. Chris’ Eltern wiederum betonen fortwährend angestrengt auffällig, wie sehr sie Lisa (Kerry Washington) ins Herz geschlossen haben, und die weißen Kumpels gratulieren zur scharfen Afro-Braut. Richtig auf Konfrontationskurs geht nur der schwarze Nachbar, ein angesehener Cop des L. A. P. D. Die Flutlichtanlage, die ins Schlafzimmer des jungen Paares leuchtet, ist erst der Anfang.

Neil LaBute („Nurse Betty“) ist ein vielbeachteter Independent-Regisseur, dessen Ausflüge ins Mainstreamkino meist etwas ungelenk ausfallen. Auch „Lakeview Terrace“ merkt man den Machtkampf zwischen Kunst und Kommerz an. Stark ist der Film immer dann, wenn die sorgsam gewählten Details die Beziehungen der Figuren scheinbar beiläufig charakterisieren. Weniger überzeugend ist das konventionelle Genre-Finale geraten. Auch nervt die schauspielerische Überpräsenz von Samuel L. Jackson: Schon zu oft hat man in seinen Augen die Dämonen tanzen sehen. Martin Schwickert

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