Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

H.P. Daniels

POP

Mit der Mundharmonika

im Alleingang

Ein winziger Vox-Verstärker auf der Bühne im Maschinenhaus, Mikrofon, Stuhl. Ein kleiner Mann wieselt herum, mit Hut, dunkler Brille, langem Mantel, eingezogenem Hals. Als käme er aus einem Detektivroman der vierziger Jahre. Benjamin Darville, einst bei den Crash Test Dummies, spielt seit zwei Jahren den Son Of Dave. Er gruschpelt in der großen Kiste nach einer Harmonica, pustet schweren Rhythmus durch, tapst Takt dazu mit rotbraunen Schuhen, schüttelt einen Shaker in der Rechten und krächzt groben R&B. Eine moderne Variante der Einmannband. War die klassische Form davon früher der Gitarrist mit umgehängter Mundharmonika, der per Fußzug eine Trommel auf dem Rücken klopfte, bedient Son Of Dave per Fußtritt Schalter diverser Effektgeräte, hauptsächlich eines Akai Headrush.

Alles in ständiger Bewegung: Mund, Arme, Beine in bewundernswerter rhythmischer Akkuratesse, wobei er ständig neue Klänge aufeinander schichtet. Ein wilder Tanz. Tritt aufs Pedal und Geräusche zur Schlagzeugsimulation mit Mund und Stimme. Erneuter Tritt und das Beatbox-Schlagzeug wiederholt sich in endloser Schleife. Dazu bläst der Kanadier ein Harmonica-Riff in einen weiteren Sound-Loop, schließlich Gesang in der Manier alter Blues-Shouter von knarziger Tiefe bis zu hohem Gefistel. Pfeifen, Fiepen, Japsen, Hecheln, und schon ist das die Grundlage für einen neuen Song. Das Harmonica-Spiel erinnert an alte Blues-Größen: Little Walter, Sonny Boy Williamson. Anklänge von Funk und HipHop. Zwischen die eigenen Songs streut Darville rasante Coverversionen: „I Wish You Would“ von Billy Boy Arnold, „Low Rider“ von War und eine Neuinterpretation des Blues-Klassikers „Rollin'' And Tumblin’“. Und wenn manche Songs mit einem Akkord auskommen, ist das trotzdem unterhaltsam. H.P. Daniels

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KLASSIK

Mit Prokofjew

auf dem Drahtseil

„Musikalische Seiltänze“ nennt das Programmheft des Konzerthausorchesters Prokofjews Drittes Klavierkonzert und die Suite aus seiner Oper „Krieg und Frieden“. Was man aber unter dem Taktstock des Petersburgers Vladimir Fedoseyev am Gendarmenmarkt zu hören bekommt, erinnert bisweilen mehr an Gleichgewichtsübungen. Im „Der Ball“ betitelten Kopfsatz der Suite arbeitet Fedoseyev dynamische Kontraste zunächst attraktiv heraus, degradiert das Maestoso dann aber zum lapidaren Laut. Mit dem 1921 uraufgeführten Klavierkonzert versucht sich Alexei Volodin als nächster auf dem Seil. Der 31-Jährige spult das virtuose Werk technisch fast perfekt ab. Und doch tanzen Orchester und Solist über weite Strecken aneinander vorbei. Was Volodin an Gestaltungsreichtum fehlt, versucht sein Landsmann Fedoseyev im Tutti zu kompensieren – mit dem Resultat, dass dieses den Flügel meist übertönt. Als sich das Orchester in der Suite aus Manuel de Fallas Ballett „Der Dreispitz“ doch die gewohnte Klasse erreicht, wirkt die zur Kunstmusik auskomponierte Folklore so weit weg vom kühlen Russland, dass selbst das dickste Tau kaum sinnige Verknüpfungen schaffen könnte. Daniel Wixforth

KLASSIK

Mit Mahler

im Elysium

Der Totalitätsanspruch der dritten Symphonie Mahlers, die 90 Minuten dauert, ist nicht zu überbieten: „Denke dir so ein großes Werk, in welchem sich in der Tat die ganze Welt spiegelt.“ Der Komponist wusste, was in ihm tobte. Acht Hörner der Berliner Philharmoniker blasen unisono, entschieden, und setzen den Maßstab für das Ganze. Zubin Mehta dirigiert diesen symphonischen Gesang, als ob die Musik sich nicht erschöpfen wollte. Das heißt, dass er das rhapsodische Konzept zur eigenen, tönend bewegten Form bildet. Viel Schärfe ist in seinem romantischen Klangbild an diesem inspirierten Abend in der Philharmonie (wieder am 21. und 22.12.). Und Hintergrund: Erinnerung, Verlorenes. So verbindet die „Erste Abteilung“ mit dem ursprünglichen Titel „Pan erwacht: Der Sommer marschiert ein“ Zwielicht, Grelles – vier Piccoloflöten fortissimo – mit dem Espressivo der Posaune. Das zaubert Olaf Ott, dem kein Solo der Violine, Flöte, Oboe, des Horns, der Trompete oder Pauke nachsteht. Und wie die Solisten untereinander konzertieren! Dazu vollendet das Posthorn: Gábor Tarkövi. Mehtas Kunst gelingt es, uns mit den Instrumentalsätzen in den Anspruch des Werkes hineinzuziehen, während die Gesangsstücke abfallen. Lioba Braun trifft das Misterioso des Nietzschetextes nicht, das Gebimmel des Wunderhornsatzes fügt sich trotz Rundfunkchor und Tölzer Knaben schwer in den großen Bogen. Den aber nimmt Mehta grandios wieder auf: philharmonisches Streicherelysium.Sybill Mahlke

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