Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nöther

KLASSIK

Reinkarnation und Raffinesse

Die Information des Programmhefts, dass Rafal Blechacz so Klavier spiele, „als sei in ihm Frédéric Chopin noch einmal geboren worden“ – das ist, nun ja, erstmal eine hübsche Behauptung. Doch man macht sich seine Gedanken: Hat Chopin vielleicht tatsächlich den berühmten Krakowiak, den finalen Springtanz seines ersten Klavierkonzerts, so geradeheraus gespielt wie Blechacz, ohne die zierlichen agogischen Verzögerungen und Beschleunigungen, die oft so einstudiert klingen?

Blechacz macht es in diesem Philharmonie-Konzert anders, trockener, besser. Eingebettet in den so angenehm altmodischen Klang des Rundfunk-Sinfonieorchesters, mit weichen Pauken und gerundeten Bläsern, wirkt Blechacz’ Nüchternheit sympathisch, und es bleibt dem sehr selbstbezüglichen Klavierpart geschuldet, wenn die Tempovorstellungen zwischen Pianist und Orchester im zweiten Satz von Marek Janowski mehrmals nachträglich ausgeglichen werden müssen.

Gegen die Art und Weise, auf die ein mit allen Wassern spätromantischer Klang-Raffinesse gewaschener Dirigent wie Janowski das „Heldenleben“ von Richard Strauss dirigiert, kann man kaum etwas einwenden – nur gegen den Kontext, in dem die Tondichtung in diesem RSB-Konzert erscheint. Dass man Strauss’ lärmende Innerlichkeit und sein fatal naives Desinteresse an Politik lediglich im Programmheft-Text kritisiert, reicht heute nicht mehr – in einer aufgeklärten Konzertkultur gilt es, dieses Musik gewordene eskapistische Kunstverständnis in irgendeine relativierende Relation zu bringen, nicht in ein Programm, das unter „kulturelle Grundversorgung“ läuft. Matthias Nöther

KUNST

Köpfe und Kompositionen

Er sei „jemand, der von Komponisten komponierte Musik aufführt“, hat Eberhard Blum einmal gesagt. So kurz lässt sich der bildende Künstler, Flötist und Streiter für Neue Musik aber nicht charakterisieren. Man muss nur in seinem Buch blättern, einer Musikgeschichte in Bildern, randvoll mit Zeugnissen seiner Begegnungen mit Morton Feldman, John Cage oder Emmett Williams („Choice & Chance – Bilder und Berichte aus meinem Leben als Musiker“, hg. von der Berlinischen Galerie, 240 S., 130 Abb., 18 Euro). Von Blums Umtriebigkeit zeugen auch die neun großformatigen Grafiken des Künstlers, die im Eberhard-Roters-Saal der Berlinischen Galerie präsentiert sind, „Zeichen I-I“. Vorm „Sonnen“-Kreis türmen sich gezackte Bildzeichen – Musik, ins Bild verpflanzt. Dazu ist Blum gleich fünfmal in Gestalt von tönernen Köpfen aus der Werkstatt des Künstlerfreundes und Mäzens Rob Krier zu sehen (Alte Jakobstraße 124–128, bis 2.2., Mi–Mo 10–18 Uhr). Jens Hinrichsen

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