Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Spitzenton mit Schneekristall

Es wird der Abend der Streicher. Sinnlich, kräftig und dabei immer flexibel drücken sie dem Weihnachtskonzert des Orchesters der Komischen Oper ihren Stempel auf. Das kündigt sich schon bei der Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer“ an. Dann verliert Patrick Lange versehentlich seinen Taktstock, findet ihn nicht gleich wieder und dirigiert „Poème de l''amour et de la mer“ von Ernest Chausson mit bloßen Händen. Das passt sogar besser zu den breiten, weich dahinfließenden Formen dieses impressionistischen Klanggemäldes, aus dem sich der etwas raue Sopran von Caroline Melzer herausschält, die ansonsten im Orchesterklang versinkt. Ein Höhepunkt des Abends wird Erika Roos, die sich an die Angstpartie der Wahnsinnsarie aus Donizettis „Lucia di Lammermoor“ wagt. Souverän nimmt sie die Intervallsprünge und singt jede Koloratur mit einem Lächeln. Zwar trifft sie den Spitzenton beim ersten Mal nicht – was das Publikum raunen lässt –, am Schluss sitzt er aber sicher und löst begeisterten Applaus aus. Bei Tschaikowskis 1. Sinfonie „Winterträume“ sind es wieder die mächtigen Streicher, die scheinbar noch den letzten Schneekristall aus dieser Partitur herausmeißeln wollen. Patrick Lange formt die großen Bögen, ohne je die Sorgfalt fürs Detail zu verlieren. Einen neuen Taktstock hat er natürlich auch. Udo Badelt

KLASSIK

Auf nach Venedig!

Seinen umjubelten Auftritt mit der Berliner Singakademie im Konzerthaus beschließt Achim Zimmermann mit Weihnachtsliedern. Zuvor ging es nicht unbedingt weihnachtlich zu, zu opernhaft wirkt die „Marienvesper“ von Claudio Monteverdi. „Wende ab deine Augen von mir, denn sie zwangen mich zu fliehen“, klagen so die Sopranistinnen Cécile Kempenaers und Olivia Stahn in zierlichen Terzparallelen. Als „Duo Seraphim“ umschlingen sich die Tenorstimmen von Markus Brutscher und Thomas Volle, in den ausschweifendsten, zärtlichsten Koloraturen, bis Tobias Berndt sie mit sanften Basstönen erdet und die Dreieinigkeit im Unisono komplett ist. Das von den Galerien herab gesungene Gotteslob vermittelt – wie auch das Tenorduett „Audi caelum“ mit reizvollen Echowirkungen – eine Ahnung davon, wie Mehrchörigkeit im venezianischen Markusdom geklungen haben könnte. Geschickt nutzt Zimmermann immer wieder die Saalarchitektur, um Raumklang zu erzeugen, postiert seine Chorsänger in variablen Gruppen auf verschiedenen Ebenen und erreicht so immense Vielfalt und Nuanciertheit des Klanges. In tänzerischer Bewegtheit sind Ensemble Sans Souci und Bassano-Ensemble mit dem Klangreiz von Theorben, Zinken und filigranen Streichern die instrumentalen Stichwortgeber. Isabel Herzfeld

THEATER

Supermarkt statt Kinderzimmer

Drei Kinder im vorpubertären Alter fordern die Welt der Erwachsenen heraus, sie führen Krieg. Klaas Tindemans, studierter Rechtsphilosoph, 1959 in Antwerpen geboren, protokolliert in seinem Theaterstück Bulger nüchtern den wilden Protest der Heranwachsenden gegen die Gleichgültigkeit von Eltern und Lehrern. Shanya, Justine und Ramses, die Helden der Szenenfolge, meiden die Kinderzimmer, streunen durch Supermärkte, treffen sich im Wald, erkunden eine Leichenhalle, entführen wie nebenher ein Kind – und bringen es um. Tindemans geht dabei von einem authentischen Verbrechen in Liverpool aus, vermeidet aber alle Empörung und Sensationslust. Nicht um den Mord geht es ihm, sondern um die Verlorenheit der Kinder. Ethische Normen kennen sie nicht, die kommen in ihrem Alltag nicht vor. Nora Schlocker hat im Studio des Maxim Gorki Theaters den Kriminalfall noch weiter zurückgenommen als im Text von Tindemans. Sie bringt junge Menschen auf die Bühne, die in ihren Fantasien leben, nicht in der Wirklichkeit. Julischka Eichel (Shanya), Hanna Eichel (Justine), Johann Jürgens (Ramses) machen zum Ereignis, wie da Unfertige antreten gegen die ganze Welt, das bedrohlich entgleiste Kindliche ohne jede Kindertümelei zu zeigen, rau und rückhaltlos ehrlich. (Wieder am 27. Dezember und am 4. Januar 2009). Christoph Funke

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