Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Sybill Mahlke

KLASSIK

Wer sucht,

der findet

Es übersteigt die Vorstellungskraft, wie der zehnjährige Mozart, erkrankt auf Tournee mit Vater und Schwester, „Kleinigkeiten“ komponiert, so in Den Haag ein Orchesterquodlibet KV 32 für Wilhelm von Oranien. Was das kühne Kind an Harmonie, Hörnerklang und Fuge erdacht hat, führt das Konzerthausorchester im voll besetzten eigenen Saal in geschliffener Interpretation vor. Chefdirigent Lothar Zagrosek moderiert die Mozart-Matinee mit ihrem aparten Auftakt. Im Zentrum steht der Berliner Pianist Martin Helmchen. Mit seinen 26 Jahren, auf der Erfolgsleiter, hat er die Phase effektbezogener Brillanz schon hinter sich gelassen, um aus eroberter Technik Einfachheit zu erwerben. Für den Komponisten gehörte das Konzert KV 450 zu denen, die „schwitzen machen“. Zagrosek und seine Musiker spielen kontrastreich luziden Mozart. Dann setzt Helmchen ein, und sein Klang hat in allen Läufen Kraft und Ausdruck. Kein „Schwitzen“, aber auch kein Raunen, kein Schleier. Indes zeigt die kleinste Nuance, welche musikalischen Träume er hat. Dazu gehört, dass er den philosophischen Gründen seines Mentors Alfred Brendel nicht nachspürt. Helmchen ist ein Virtuose von eigener Geradheit, auf dem Weg seines eigenen musikalischen Vorstellungsvermögens. Und im richtigen Alter, Artist in Residence des Konzerthauses zu sein. Zagroseks scharfgeschnittene Gesten sollten sich noch reduzieren lassen, zumal ihn das Orchester auch bei weniger Körpereinsatz verstehen dürfte. Reich instrumentiert macht die „Pariser“ Sinfonie KV 297 den glänzenden Finaleffekt mit Pauken und Trompeten. Sybill Mahlke

KLASSIK

Musik,

die mundet

Als Maria hört, dass der Riese Schleckermaul das Dach der Marzipanburg fraß, wird ihr endgültig klar: Hier, in diesem Märchenland voller Tortentürme und Limonadenbäche möchte sie leben. Kurz entschlossen heiratet sie einen Schokoladenprinzen. Womit E. T. A. Hoffmanns Märchen „Nussknacker und Mäuse könig“ ein zuckersüßes Ende nimmt und Tschaikowskis Nussknacker-Suite mit dem berühmten Blumenwalzer schließt. Die Anhaltinische Philharmonie Dessau unter Golo Berg spielt die acht Sätze der Suite, die wohl zum Gelungensten im Bereich der populären Klassik zählt, im Konzerthaus alternierend mit einer Lesung des Märchentextes, vorgetragen von Franz Falke. Der enthüllt, im Lehnstuhl vor dem Orchester thronend, feierlich eine Nussknackerpuppe und erzählt dann von den Träumen, die Marie überkommen, während sie spät in der Christnacht allein unterm Weihnachtsbaum sitzt. Allmählich erwachen die Gestalten zum Leben, tapfer gehen der Nuss knacker und eine Vielzahl von Zinn- und sonstigen Figuren gegen den siebenköpfigen Mäusekönig an, danach wird Marie in ein Traumland entführt.

Das Orchester bietet auch im ersten Konzertteil Märchenhaftes von Humperdinck und Dvorak, und das durchgehend auf Festtagsniveau: Keinen Moment hat man den Eindruck, dass hier Musiker für eine Pflichtveranstaltung vom heimischen Weihnachtsbaum weggerissen wurden. Schade nur: Es sitzen wenig Kinder an diesem Abend im gut besuchten Saal. Vielleicht hätte man das Konzert besser als Familienveranstaltung am Nachmittag gegeben. Ulrich Pollmann

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