Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Ulrich Pollmann D

KLASSIK

Der tiefe

Brummer

Ob man auf dem Kontrabass Musik machen kann oder ob er doch nur zur Frequenzerweiterung nach unten dient, ist umstritten. Wegen seines labilen Ansehens ist das unhandliche Instrument zu einer veritablen Zweitkarriere gekommen: Spätestens mit Patrik Süskinds Einpersonenstück „Der Kontrabass“ ist dem tiefsten der Streichinstrumente die Rolle einer Metapher für die Beschränkungen und Unzulänglichkeiten des Menschen zugefallen. Viel ernster als bei Süskind inszeniert nun ein fünfköpfiges Ensemble unter dem Titel contrabass im Radialsystem ein interdisziplinäres Musiktheater um den tiefen Brummer. Auf einem Podest traktiert Clayton Thomas, ein australischer Improvisationsmusiker, seinen Bass, dass es eine Freude ist. Zu Beginn versucht er sich an einer Cellosuite Bachs, die ihm erstaunlich geschmeidig gelingt. Dazu projiziert die Videokünstlerin Hiroko Tanahashi die Partitur, allmählich zerfällt das Notenbild, vom Bass sind percussive oder flächige Klänge aller Art zu hören. Thomas schiebt auch allerlei Gegenstände zwischen die Saiten, ein Autonummernschild zum Beispiel. Zu abstrakten Videobildern gesellen sich nun Texte um Beziehungslosigkeit und Verlorenheit von Steffi Hensel. Allmählich wird die Leinwand mittels heruntergelassener Seile selbst zum Kontrabass, die Akrobatin Ellen Urban beginnt sich berührend hilflos in den Saiten zu verknoten. Nach einer Stunde ist die Aufführung schon vorbei. Schade. (Noch einmal Mo und Di, 19 Uhr). Ulrich Pollmann

KLASSIK

Die neue

Frische

Schon in der ersten Hälfte sind die Celli und Bässe durch ihr plastisches Spiel aufgefallen. Doch ihre Sternstunde ist zu Beginn des Finales von Ludwig van Beethovens neunter Sinfonie gekommen, während der Rest des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt noch einmal Themen der vorangegangenen drei Sätze durchgeht. Das bedrohliche Crescendo des Kopfsatzes oder das sangliche Adagio – souverän ist die Darbietung bis hierhin gewesen. Allerdings hatte man das monumentale Stück ein wenig aufgewühlter und schockierender in Erinnerung.

Nun, im Finale, füllen die tiefen Streicher mit eindringlichen Motiven den vollbesetzten Großen Saal des Konzerthauses. Erstmals lassen sie die berühmte Melodie erklingen, zu der der Bassbariton Rainer Scheerer bald Schillers „Ode an die Freude“ anstimmt. Scheerer, nicht nur Sänger, sondern auch Theaterschauspieler, trägt mit weniger Volumen vor, zugunsten einer beeindruckenden Textverständlichkeit. Dirigent Howard Griffiths verteilt Sonderzeichen an sein Orchester und den vom ersten Einsatz an präsenten Philharmonischen Chor Berlin und plötzlich ist da eine neue Frische. Von den übrigen Solisten folgt dem nur Anne-Theresa Albrecht (Mezzosopran). Julia Baumeister (Sopran) und der gut aufgelegte Klaus Schneider (Tenor) pflegen eher den kraftvollen, festlichen Stil.

Ob der ganz große Bogen des Jahrhundertwerkes an diesem Samstagabend gespannt wird, sei dahingestellt. Genuss bringen noch ein Dialog von Oboe und Fagott, ein Flimmern zwischen Sopran und Violinen. Momente, für die es sich gelohnt hat, zum Jahresausklang ins Konzerthaus zu kommen. Paul Bräuer

ARCHITEKTUR

Der weite

Schwung

Es wirkt wie ein Kampf gegen die Gesetze der Schwerkraft, den die vier kleinformatigen, rostig roten Stahlplastiken im Maßstab 1:200 in der Ausstellung Art-City and more im Werkraum der Architektur Galerie Berlin austragen (Karl Marx- Allee 96, bis 11. Jan.). Es sind Modelle für nie gebaute Museen, die Simon Ungers (1957-2006) an der Schnittstelle zwischen Skulptur und Architektur entworfen hat. Doch die Grundrisse, die die vier Arbeiten hinterfangen, zeigen: die Entwürfe waren keine architektonischen Sandkastenspiele, sondern hätten verwirklicht werden können.

Deutlich leuchtet in Ungers Arbeiten die Auseinandersetzung mit den russischen Konstruktivisten auf, allen voran mit El Lissitzkys Wolkenbügel. Etwa bei dem kantigen Entwurf für ein Museum der russischen Revolutionskunst, von dem neben dem kleinen Stahl- auch ein größeres Holzmodell zu sehen ist. Doch wie hätten diese Bauten wohl gewirkt, die im kleinen Format durch ihre ungeheuer sinnlich-haptische Qualität faszinieren? Einen Eindruck davon vermittelt das T-Haus in Wilton/USA von 1992 aus rostigem Stahl, das zu den wenigen Bauten gehört, die Ungers verwirklichte. Doch der auf siebzig Meter Länge schwebende Riegel seiner „Pinakothek“, der im Modell so handlich erscheint, würde an die Grenzen des konstruktiv Machbaren führen. Jürgen Tietz

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