Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Claudia Funke

KUNST

Nie mehr

arbeiten

Wer kennt nicht das beklemmende Gefühl beim Betreten des Arbeitsamtes oder Jobcenters, ausgelöst durch triste Wartebereiche mit Plastikstühlen, eine Atmosphäre aus Unsicherheit und Verärgerung, lange Gänge, beschildert mit den Anfangsbuchstaben der Besuchernamen und enge Büros? Die Ausstellung /unvermittelt – für einen Arbeitsbegriff jenseits von Überarbeitung und Mangel in der NGBK (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Oranienstraße 25, bis 1. Februar, tägl. 12 bis 18.30 Uhr, Katalog 10 €) eignet sich die Ästhetik der Bundesagentur für Arbeit vom Ausstellungsaufbau bis hin zum Logo und Katalogdesign an. Allerdings verkehrt sie die Vorzeichen: Die Kojen aus recyceltem Material sind provisorisch, die Wände säumen Fotos, auf denen „nie mehr arbeiten“ steht.

Die rund 50 in Projektgruppen organisierten Teilnehmer greifen die Frage auf, was sich hinter der Floskel „selbstbestimmte Arbeit“ verbirgt, inwiefern Arbeit durch Geschlechterkonstruktion beeinflusst wird, oder fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Der „Chor der Tätigen“ dichtet Popsongs um und intoniert: „Selber Schuld! Strengt euch doch einfach mal an! Wer will, kommt auch an Arbeit ran!“ Beim Konzept des privaten Emissionshandels entrichten Autofahrer eine CO2-Gebühr an diejenigen, die keinen Kraftstoff verbrauchen, nach dem Motto: Geld verdienen ohne Arbeit.

Die „Absageagentur“ persifliert die Praxis der ,Eingliederungsvereinbarung‘: Der ‚Ausgliederungsservice‘ bietet Geld fürs Nichtstun an. Fotografien, Videos und Objekte dokumentieren Kampagnen, die während des zu Ende gehenden Jahres in Berlin stattfanden. Die Ausstellung ist sowohl Kunstinstallation als auch Bestandsaufnahme eines Prozesses, der mit Veranstaltungen und Aktionen weitergeführt wird.Claudia Funke

KLASSIK

Dasch

lob ich mir

„Im Zweifelsfall einfach laut und falsch mitsingen – das ist bei den Pfadfindern auch nicht anders!“, ruft Annette Dasch in den Saal, greift zur Klampfe, intoniert einen waschechten Lagerfeuer-Romantik-Song – und 350 Stimmen antworten ihr. Ganz erstaunlich harmonisch. Die Menschen, die sich an diesem Sonntag im Radialsystem versammelt haben, brennen darauf, selber ihre Stimmbänder in Schwingungen zu versetzen. Sie werden später auch einen lateinischen Kanon souverän und volltönend bewältigen.

Annettes Daschsalon nennt sich die Veranstaltung im Off-Kultur-Zentrum am Ostbahnhof. Es ist eine Kunstform, die man entweder nur lieben oder nur hassen kann. Was so witzig klingt und auf der Bühne so Mitte-hip aussieht, entpuppt sich nämlich als klassischer Hausmusik-Nachmittag, bei dem Gesangsprofis wie Hildegard Wiedemann, Paul Kaufmann und Roland Schubert Kunstlieder von Alban Berg, Grieg und Poulenc vortragen und Freiwillige aus dem Publikum besinnliche Gedichte rezitieren.

Biedermeierlich und bildungsbürgerlich wirkt das, aber eben auch ernsthaft, lustvoll und selbstverständlich zugleich, weil diese familiäre Form gemeinsamer künstlerischer Betätigung für Annette Dasch die natürlichste Sache der Welt ist. Die Sopranistin entstammt einem Zehlendorfer Künstlerhaushalt, in dem ununterbrochen Musik gemacht wurde. Mag sie inzwischen auch zum Klassikstar geworden sein, mit regelmäßigen Engagements bei den Salzburger Festspielen und einem Exklusiv-Schallplattenvertrag bei der Deutschen Grammophon, im plüschig möblierten Salon auf der Radialsystem-Bühne bewegt sie sich so ungezwungen wie zu Hause, lässt sich von Schwester und Schwager am Flügel begleiten, kommentiert selbstironisch ihre dilettantischen Moderationen. Und die Fans sind selig. Innerhalb von sechs Stunden waren die Tickets für diesen Abend vergriffen. Der Vorverkauf für den nächsten Daschsalon am 8. Februar beginnt heute um 12 Uhr. Frederik Hanssen

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