Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Stefanie Erhardt

KUNST

Das Unperfekte

hat System

Die meisten werden bei Fliesen kaum an Kunst denken, nutzen wir sie doch eher als Wandverkleidung und Bodenbelag. Sarah Crowner und Paulina Olowska jedoch machen in ihrem Gemeinschaftsprojekt Ceramics and other things in der DAAD-Galerie (Zimmerstr. 90/91, bis 31.1., Mo-Sa 11-18 Uhr) Keramikfliesen zu Kunstobjekten. Crowner hat archaisch anmutende Tonteile in geometrischen Formen geschaffen, die sich in ihrer Anordnung mal harmonisch ineinander fügen und mal gegenseitig abzustoßen scheinen. Erst kürzlich hat die Kalifornierin ein Buch über die Dadaistin und Keramikerin Beatrice Wood herausgegeben.

Die Polin Paulina Olowska, die sich bereits früher auf kunsthandwerkliche Traditionen ihres Heimatlandes wie das Metallhandwerk der Fünfziger und Sechziger bezog, hat rechteckige Fliesen in verschiedenen Größen mit Pastellfarben bemalt, mit grafischen Mustern versehen oder Gegenstände in die Oberfläche eingearbeitet, sodass der Eindruck fossiler Abdrücke entsteht. Das Unperfekte ist dabei einkalkuliert: die Fliesen sind zum Teil zerbrochen, verbogen, verkratzt. Präsentiert werden die Objekte auf fünf Plateaus, die von zwei an Ausgrabungsstätten erinnernden Industriestrahlern beleuchtet werden. Die Anordnung verdeutlicht die Möglichkeiten des Materials: Die quasi naturbelassenen Tonteile Crowners liegen neben den künstlerisch veredelten Fliesen Olowskas. Stefanie Erhardt

KUNSTGEWERBE

Nach der Steuer

gab’s den Trunk

Was für eine schöne Geste an den Steuerzahler: Wer im 16. Jahrhundert im niedersächsischen Lüneburg aufs Rathaus ging, um Einkommenssteuer – damals Schoss genannt – zu zahlen, wurde mit einem Trunk aus dem 1522 von Hinrich Grabow geschaffenen Schosspokal bewirtet. Das 1470 Gramm schwere Silbergefäß hat sich erhalten. Als Teil des Lüneburger Ratssilbers gehört es seit über 130 Jahren dem Berliner Kunstgewerbemuseum. Nun liegt endlich ein neu bearbeiteter Bestandskatalog des kulturhistorisch einmaligen Kommunalschatzes vor (Stefan Bursche: Das Lüneburger Ratssilber, Deutscher Kunstverlag, 26,90 € im Museum, 29,90 € im Buchhandel).

Die kostbar gearbeiteten Pokale, Konfektschalen und Gießgefäße waren nicht nur als Notgroschen gedacht, sondern bei Zeremonien des Rates wie Empfängen oder der jährlichen Ratswahl in Gebrauch. Das Lüneburger Ratssilber ist trotz gewaltiger Verluste der am vollständigsten überlieferte Ratsschatz überhaupt. Erhalten blieben 34 Teile, unmittelbar vor dem Dreißigjährigen Krieg zählte man noch 253 Stücke. Das nach langen Verhandlungen 1874 vom preußischen Staat angekaufte Ensemble ist ein doppeltes Prunkstück des Berliner Kunstgewerbemuseums: als bedeutendstes Zeugnis norddeutscher Edelschmiedekunst des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit und als historische Rarität, die den Museumsbesuch lohnt. Michael Zajonz

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