Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo BadeltD

KLASSIK

Wellen tänzeln

am Wannseestrand

Wellblech, so informiert das Lexikon, ist eine Platte, die wellenförmig gestaltet ho he Tragfähigkeit erreicht. Das Ensemble Weltblech schreibt sich zwar ein klein wenig anders, aber die Klänge der elf Musiker erinnern durchaus an die positiven Eigenschaften des Baumaterials: Flexibel, dehn- und biegbar, trotzdem stabil. Bei seinem traditionellen Neujahrskonzert im Kammermusiksaal demonstriert das 1995 aus dem Jeunesses-Musicales- Weltorchester hervorgegangene Ensemble, dass Blechbläser auch in der delikaten Welt der Tänze hervorragend klingen können. Das Programm spannt einen Bogen von der französischen Renaissance über Henry Purcell und Schosta kowitsch zu Duke Ellington und dem südamerikanischen Mambo. Dass außer Blech keine anderen Farben präsent sind, kompensiert das Ensemble mit der ganzen Bandbreite an Klangreichtum und Ausdruck, zu der seine Instrumente fähig sind: vom tiefen Grummeln über weiche, verträumte Mittellagen und plötzliche, plärrende Ausbrüche zu frei heraus ge blasenen, scharfen oder spitzen hohen Tönen. Die Posaune, seit der Bibel eher ein martialisches Instrument, kann man sich plötzlich in einer romantischen Tanzbar zu später Stunde vorstellen. Besonders gut gelingen die präzise gesetzten Schlusstöne, denen ein sekundenlanger Nachhall folgt. Das Publikum will kein Ende akzeptieren und erklatscht sich mehrere Zugaben. Udo Badelt

BIOGRAFIE

Der neue Mensch

denkt

Karl Hartungs um 1949 entstandener „Denker“ blickt in die Zukunft. Nicht in sich gekehrt wie Rodins großes Vorbild, sondern gespannt, den Schreck noch in den blockhaft konturierten Gliedern – und offenen Auges. Die Kohlezeichnung mutet an wie die Summe dessen, was der 1908 geborene Bildhauer seiner Kunst abverlangte: die Gestaltung des „neuen Menschen“. Anlässlich des 100. Geburtstags präsentiert eine Monografie Karl Hartungs Aufbruch in die Moderne (Karl Hartung, Zeichnungen, Birk Ohnesorge, Gebrüder Mann Verlag; 39,90 €). Angesichts von Nazidiktatur, Krieg und Gefangenschaft fand er im Verborgenen statt und behielt dabei die Strömungen der internationalen Avantgarde auf beeindruckende Weise im Blick. Schon die Aktdarstellungen des kaum 20-Jährigen zeugen von großer Nähe zu Rodin und Maillol. Nach zwei Stipendien in Paris, wo er sich noch intensiver mit seinen Vorläufern beschäftigen konnte, wird die Figuration reduzierter. 1936 übersiedelt Hartung von seiner Geburtsstadt Hamburg nach Berlin und wendet sich der Abstraktion zu. Amorphe Strukturen wechseln mit düster-surrealen Kompositionen und fantastischen Architekturen. In der Nachkriegszeit zählt Hartung zu den wichtigsten Künstlern in Deutschland. Dass er nach seinem Tod 1967 in Vergessenheit geriet, mag an den stilistischen Wandlungen liegen. Das exzellent bebilderte Buch zeigt, wie facettenreich auch Hartungs Zeichnungen die Entwicklung der Moderne spiegeln. Michaela Nolte

KLASSIK

Strawinsky war

kein Skandinavier

Vielleicht ist der „nordische Ton“ in der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts ja doch gar nicht so vage und so schlecht nachweisbar, wie das Programmheft glauben machen will. Da ist etwa dieser alleinstehende, inbrünstige Moll-Akkord der Streicher zu Beginn – was für eine Freu de, dass er da ist! Der Auftakt zu „Nachklänge von Ossian“ von Niels Wilhelm Gade kommt nicht mit der Behauptung von Tiefe daher wie so manche Symphonie von Gades deutschen Zeitgenossen, doch er negiert auch nicht alle Bedeutsamkeit. Im weiteren Verlauf hören wir in der Philharmonie einen dunkel ge tönten Hymnus, wie er auch in einem Stück des Finnen Sibelius einige Jahrzehnte später stehen könnte. Dem Dänen Gade ist der erste Teil des Konzerts der Deutsch-Skandinavischen Jugendphilharmonie gewidmet. Die Konzertfantasie „Nachklänge an Niels Wilhelm Gade“ von Achim Rothe ist vielleicht ein wenig sprunghaft, doch originell ist sie in ihrer Kombination von Big Band und Streichquartett (das Kubrick Quartett aus Kopenhagen) allemal. Der Weg indes von Gade zu Strawinskys „Sacre du printemps“ ist zu weit. Auch die lau an Bartók und Bolero gemahnende Symphonische Dichtung „Qarrtsiluni“ des estnischen Komponisten Knudåge Riisager kann die Brücke nicht schlagen. Doch man muss nur dem alljährlichen Initiator der Deutsch-Skandinavischen Orchesterwoche, Andreas Peer Kähler, bei der Befeuerung seiner jungen Musiker zusehen: Nichts ist besser für die interkulturelle Kommunikation als ein starkes, schwieriges Stück. Und es kann schließlich niemand etwas dafür, dass Strawinsky kein Skandinavier war. Matthias Nöther

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