Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Stephen Tree

KLASSIK

Triumph

der Kunst

Musik kann wärmen, nicht nur in Tagen der Eiszeit. Die Deutsche Oper spielt Puccinis „Tosca“, die Geschichte einer eifersüchtigen Sängerin, die am politischen Ehrgeiz ihres Liebhabers und an der Tücke eines bösen Polizeichefs zugrunde geht. Laster, Liebe, Leidenschaft. Eine Boleslaw-Barlog-Inszenierung von 1969, die bei ihrer Wiederaufnahme mit einem jungen Mann an einem Mikrofon beginnt: Lado Ataneli, der den Schurken Scarpia singen soll, fühle sich stimmlich indisponiert, sei aber bereit, sein Bestes zu geben. Entsprechend mühsam kommt der Abend in Gang. Dann tritt Violeta Urmana auf: majestätisch, mit funkelndem Bühnenschmuck, herrlichem Haar, prangend weißem Dekolleté. Ihr fein modulierender Sopran macht diese Frau zur schicksalhaft Liebenden. Der ganze Saal scheint gebannt, ja gerührt.

Der zweite Akt beginnt erneut mit dem jungen Mann vor dem Vorhang. Lado Ataneli kann nicht mehr, mimt dafür aber tapfer stumm weiter, während der von einer Probe weg einspringende junge dänische Bariton Morten Frank Larsen nun zeigen darf, was er kann. Vor einem schwach beleuchteten Notenpult am Bühnenrand erzeugt er eine faszinierend glitzernde Aura des Bösen. Als Tosca dann ihr berühmtes „Vissi d’arte“ singt, tobt das ganze Haus. Mag sein, dass im dritten Akt die Übertitelung verrutscht und der Rundhorizont Falten wirft. Hier zeigt sich der Triumph der Kunst über die Dürftigkeit und Gebrechlichkeit des schönen Scheins – große Oper (noch einmal heute). Stephen Tree

TANZ

Kreisende

Pobacken

Die Tanztage Berlin sind das Festival mit dem denkbar schmalsten Budget – und ausgesprochen krisenresistent. Auch dieses Jahr ist der Andrang in den Sophiensälen enorm – bis zum 12.1. kann man hier die Talente von morgen entdecken. „Logobi“ von Gintersdorfer/Klaßen beweist, dass Naivität sich immer noch als gute Tarnung, ja clevere List bewährt. Gotta Depri, Tänzer von der Elfenbeinküste, demonstriert zunächst traditionellen Tänze seiner Heimat, um sie dann mit populären Tanzformen von heute in Beziehung zu setzen. Der schlaksige Hauke Heumann tritt als Übersetzer auf – in doppelter Hinsicht: Er überträgt Depris Erläuterungen ins Deutsche. Und er versucht dessen Bewegungen nachzuahmen. Zwei unterschiedlich geprägte Körper stehen sich hier gegenüber, und zwei Blicke kreuzen hier. Heumann wirkt konsterniert bis gehemmt, etwa wenn es um den den „Mapouka“ geht, den Tanz der kreisenden Pobacken, der , wie Depri weiß, inzwischen von der Pornoindustrie vermarktet wird. Wo der Deutsche dem Fremden gegenüber freundlich aufgeschlossen bleibt, drückt der Ivorer sein Unverständnis aus. Er könne sich partout keinen Reim machen auf den zeitgenössischen europäischen Tanz, seufzt Depri, und der werde den Afrikanern geradezu aufgedrängt. Wer so tanze, dem gehe es wohl nur um das dicke Auto. Die Schlitzohren Depri und Haumann erklären uns die kulturelle Globalisierung – und ernten viel Gelächter. Sandra Luzina

KLASSIK

Schwermütige

Harmonie

Nein, Sting und sein Dowlandalbum sind keine Konkurrenz für Dorothee Mields, Hille Perl, Lee Santana und die Sirius Viols. Selbst Emma Kirkby oder Anne Sofie von Otter könnte man über dem traumwandlerisch sicheren Zugriff dieser in schwermütiger Harmonie vereinten Künstlerfamilie vergessen. Nur der Vergleich mit ihrer eigenen aktuellen Dowland-CD „In Darkness let me dwell“ schwebt über dem etwas zu nüchternen und für die Intimität der Musik etwas zu großen Kammermusiksaal. Allerdings nur für die ersten beiden Stücke; danach scheint der andächtig lauschende Saal gefühlsmäßig vereint im Schneidersitz vor den Interpreten auf dem Podium zu hocken. Und zu staunen und zu genießen: Wie perfekt sich Mields leichter, aber sinnlicher Nachtigallenton und der singende Gambenklang vereinen, als seien die Instrumente nur weitere innere Stimmen der Sopranistin! Und wie makellos die Sängerin minutiös geplante Deklamation und lebendig empfundene Melodie zu einer neuen Einheit verbindet!

Und nicht zuletzt: Wie herrlich die Interpreten zusammen atmen, als tauchten sie gemeinsam in jene kostbaren Momente vor dem Beginn des Halbschlafes ein, in denen sich der Körper vom Bewusstsein löst und die Luft dabei tiefer, selbstständiger und genussreicher einzusaugen scheint als gewöhnlich. Der Applaus im gut gefüllten Saal ist intensiv, ohne frenetisch oder zugabengierig anzuschwellen. Muss er auch nicht: Man ist ja noch ganz bei sich.Carsten Niemann

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