Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Den Orkus

beschwören

Es gibt eine starke Sequenz in Jasmina Hadziahmetovics Neuinszenierung von Christian Josts Choroper Angst an der Komischen Oper. Sie beginnt mit einer Videoeinspielung – der einzigen in der ganz in Schwarz, Grau und Weiß gehaltenen Szene. Zu einer bewegt-abstrakten Musik lässt die junge bosnische Regisseurin Rechtecke pulsieren, die sich plötzlich in flimmernde farbige Bilder von Kriegsmassakern verwandeln – wobei sich das Grün der Särge von Srebrenica durchsetzt. Das Trauma dringt in die Realität ein, als der schwarz gekleidete Chor in der nächsten Szene von einem grünen Tuch verschluckt wird, um als vielstimmiger Raumklang aus dem Off wiederzukehren. Während es Hadziahmetovic hier gelingt, eindrucksvoll mit den unterschwelligen filmmusikalischen Qualitäten von Josts Komposition zu spielen, die körperliche Präsenz des Chors auszunutzen und das Thema der Oper in ein überraschendes Bild zu zwingen, fallen die übrigen 45 Minuten des Werks szenisch ab: Wohl auch deswegen, weil „halbszenische“ Kompromisse wie Notenblätter in der Hand der Chorsänger sich immer rächen. Um so eindrücklicher erinnert man sich an weitere musikalische Momente der Jost’schen fünf Arten, die Angst zu beschreiben: Allein wie sich die Stimmen in Hölderlins „An die Parzen“ vielschichtig auffächern, überraschend im Einklang finden um schließlich in unwirklichen Halleffekten den Orkus zu beschwören, ist ein Kabinettstück, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Die musikalische Interpretation unter Simon Halseys Leitung wird in jedem Fall uneingeschränkten Vorbildcharakter haben für weitere Inszenierungen oder gar Verfilmungen, die dem vielschichtigen Stück zu wünschen sind (noch einmal am 18. Januar). Carsten Niemann

KUNST

Wenn der Maler

zum Sprengmeister wird

Mal angenommen, man würde den Hamburger Bahnhof in die Luft jagen, wie würden die Kunstwelt reagieren? Das Künstlerkollektiv Artists Anonymous hat sich diese Frage gestellt. „What a pity – wie schade“, hieß es aus dem City Art Centre in Edinburgh. Eine Berliner Sozialpädagogin fragte ungläubig: „Kann man das einfach so machen, Kunst zerstören?“ Richtig protestiert hat niemand. Die Reaktionen haben Artists Anonymous in einem Buch versammelt, das anlässlich der Ausstellungen zum Kult des Künstlers in den Staatlichen Museen erschienen ist. Für das explosive Gedankenspiel hat sich die Berliner Gruppe den Namen „Radical Art Force“ gegeben und sogar einen Drohbrief verfasst. Klingt böse, ist es aber nicht. Artists Anonymous wollen nicht einfach kaputt machen. Im Gegenteil, sie sehen überall den Verfall der Kultur und sich selbst als Bewahrer der Kunst. Was würde nach einer solchen Sprengung übrig bleiben von einem Museum: Künstlernamen, Ideen? „Wir definieren uns über Picasso, Rembrandt und all die anderen. Vernichten wir alles, haben wir nichts mehr“, sagt Nils. Das ist nicht sein echter Name, aber das gehört zum Konzept: Artists Anonymous wollen namenlos bleiben. Nils und die beiden anderen Künstler, Maya und Ed, kann man in ihrem Atelier in der Berliner Heidestraße besuchen und zusehen, was sie normalerweise machen: Malerei. Obwohl sie nichts mit Sprengen zu tun hat, funktioniert sie nach demselben Fingerzeig-Prinzip. Bis zum Ende der Beuys-Ausstellungen hängen vereinzelt schwarze Bildttafeln an den Wänden des Hamburger Bahnhofs. Weiße Striche geben die Gehrichtung an, Ziffern die Anzahl der Schritte. Sie sollen den Besucher zur Mitte des Raumes führen und ein Bewusstsein schaffen für das Gebäude, aber auch für die Institution Museum: Huhu, hier ist Kunst, schau sie dir genau an! (Hamburger Bahnhof, bis 25. 1., Di-Fr 10-18 Uhr, Sa 10-20 Uhr, So 11-18 Uhr. Kontakt: www.artists-anonymous.com) Anna Pataczek

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