Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

THEATER

Schielende Zwerge, kratzstimmige Säufer

Wer eine Ouvertüre erwartet, wartet vergeblich. Aber die braucht Stefan Kaminski auch gar nicht, denn sein Ritt durch die Welt von Wagners „Ring des Nibelungen“ kommt weitgehend ohne Wagners Musik aus. Nachdem Kaminski vergan genes Jahr bereits „Rheingold“ und „Walküre“ als Ein-Mann-Hörspiel auf die Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters gebracht hat, ist jetzt Siegfried dran (wieder am 18.1., 20 Uhr). Ganz alleine ist Kaminski dabei natürlich nicht, ihm zur Seite stehen Stefan Brandenburg (Syn thesizer) und Sebastian Hilken (Percussion). Gemeinsam erschaffen sie ein völlig neues Klang- und Geräuschuniversum, in dem von Wagner nur noch Melodie- und Motivfragmente auftauchen, die sich aber selten länger als zwei Takte behaupten.

Ohne die vertrauten Töne fehlt auch den Figuren eine entscheidende Dimension, aber Kaminski stößt in diese Lücke, indem er das Profil jeder einzelnen Figur mit äußerster Spielfreude vertieft und verschärft – was in der Oper oft auf der Strecke bleibt. Mime ist bei ihm ein irrer schielender Giftzwerg. Siegfrieds Stimme ist fest und juvenil und lässt das gefährliche Nichtwissen erahnen, das den „rosigen Knaben“ ins Verderben stürzen wird. Wotan ist ein kratzstimmiger Säufer, der manch peinliche Schwäche von Wagners Dichtung („Wanderer nennt man mich, weit wanderte ich schon“) zur Kenntlichkeit entstellt. Ein Abend, der sich nur vordergründig über Wagner lustig macht, tatsächlich aber einem tiefen Interesse an ihm entspringt. Udo Badelt

KLASSIK

Kitsch und Zorn

Eines der Jubiläen des frischen Jahres ist der 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy. Wer könnte das mit Neoklassizismen gespickte Programm der Kammersymphonie Berlin also besser eröffnen als der Wiederentdecker Bachs, der klassischste aller Romantiker? Bereits mit 14 Jahren schrieb er seine Streichersymphonie Nr. 12, die vom Barock bis Mozart mal eben alles Dagewesene resümiert. Faszinierend, an diesem Abend jedoch nur bunte Theorie. Jürgen Bruns degradiert das Frühwerk im Kammermusiksaal der Philharmonie zu einer Stilübung, einer Kontrapunktstudie. Lieb-, ja streckenweise leblos arbeitet das Streich orchester die Aufgaben ab, webt zwar einen weichen, aber blassen Klangteppich. Da wirkt der harte Übergang zu Lars-Erik Larssons Saxofonkonzert von 1934 erfrischend. Solist Frank Lunte betont das Bruchstückhafte, lässt im ersten Satz atonale Läufe unvermutet abreißen, phrasiert selten zu Ende. Das Ganze – verpackt in einen strikt klassischen Orchestersatz – hat durchaus musikalischen Witz. Allein fehlt den Beteiligten auch hier der Mut zur Pointe. Zum Beispiel im Adagio, wenn Lunte sich nicht entscheiden kann, ob die kitschig-süße Melodik die Tradition nun verehrt oder sie doch nur neckt.

Zweitrangige Fragen, weil das Orchester nach der Pause Walter Braunfels’ Streichersymphonie op. 63 so spielt, als ob alles bis dahin Erklungene nur Prélude war. Jetzt formt Jürgen Bruns plötzlich Klänge und erzeugt mitreißende Kontraste zwischen klagender Polyphonie im zweiten und zornig-tänzerischen Kollektiven im dritten Satz. Das Finale versöhnt diese Differenzen – und auch für den ganzen Abend. Daniel Wixforth

TANZ

Dem Erlöschen entgegen

Der neue Abend der Tanzcompagnie Rubato ist Ernst, Pedro und Tom gewidmet, den kürzlich verstorbenen Vätern der drei Tänzer. Der Deutsche Dieter Baumann, der Waliser Marc Rees und der Spanier Guillermo Weickert-Molina teilen die Erfahrung des Verlusts. Ihr Stück „3 men running“ in der Halle Tanzbühne Berlin wird so zur persönlich motivierten Trauerarbeit und gleichzeitig zu einer Meditation über Endlichkeit und Tod (Ebers walder Str. 10–11, 14.1.–18.1., 20 Uhr). Die Erinnerungen sind sehr sparsam eingesetzt: Nur Marc Rees erzählt, wie sein Vater ihn bei einem Sturz aufgefangen habe und dass seitdem ein Finger gelähmt gewesen sei. Die Anekdote gibt den Ton vor, liebevoll gedenken die Söhne ihrer Väter.

Sie schlüpfen in deren Rollen, schmiegen sich in ein Sakko, das mehrere Nummern zu groß ist, setzen eine Schiebermütze auf. Doch weder die Kleidung noch die Lebensentwürfe der Väter wollen passen. Wo die Tänzer sich mit der eigenen Sterblichkeit konfrontieren, sozusagen dem eigenen Verlöschen entgegentanzen, wirken ihre choreografischen Anstrengungen nicht immer überzeugend. Man sieht sie anrennen gegen die Zeit und zugleich den eigenen Erinnerungen hinterher jagen. Eine der schönsten Szenen: Sie greifen sich sachte bei den Händen, halten und stützen sich. Ein bewegender Abend wird das Ganze dann vor allem deshalb, weil das Trio jedes falsche Pathos vermeidet. Am Ende sieht man Rees senior im Video Elvis singen, „For the Good Times“, und danach zur Pfeife greifen. Da begreift man schlagartig, dass hier unwiderruflich etwas zu Ende ist. Sandra Luzina

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