Kultur : KURZ & KRITISCH

Anna Pataczek

MUSIKTHEATER

Auch Tiere sind

keine Tiere mehr

Eigentlich trägt das Grimm’sche Märchen Die Bremer Stadtmusikanten den falschen Titel. Erstens kommen die Tiere nie in Bremen an. Zweitens sind sie unmusikalisch. In der Inszenierung am Kinder- und Jugendtheater Atze kommen Esel, Hund, Hahn und Katze zwar auch nicht bis nach Bremen, dafür sind sie richtig gute Musiker – was an den Schauspielern und Thomas Sutter liegt, der jedem Tier einen fein arrangierten Song auf den Leib geschrieben hat. Dafür sind die Tiere keine richtigen Tiere mehr, zumindest steckt sie Regisseur Herman Vinck nicht in entsprechende Kostüme. Kleine, gekonnte Gesten – das hochhackige Stilet to- Schaulaufen des Hahns, das girlie hafte Hüftwankeln der Katze – reichen den vier Schauspielern aus, um die Figuren zu charakterisieren. Die vier menschelnden Typen sind ihren Job los, und wenn der Esel nicht beschlossen hätte, sein Glück selbst in die Hand und die anderen drei Verlierer mitzunehmen, wer weiß, wo sie einen Platz am Rande der Gesellschaft gefunden hätten. Zusammen aber stellen sie fest, dass sie ein starkes Team sind, wie man so sagt. Sozialkritisch kommt das auf der Studiobühne nur angenehm angedeutet daher, denn die Inszenierung ist vor allem spielwütig, clownesk, voller Elemente des Improvisations- und Straßentheaters. Da werden Paukenschlägel und Querflöte zu Gewehren, Saxofonklänge zum Martinshorn, der Hahn mal eben schnell zu einem Baum, indem er „Baum“ ruft. Das verstehen Kinder. Das gefällt Erwachsenen. Anna Pataczek

Studiobühne im Atze (Luxemburger Str. 20, Wedding), ab fünf Jahre, wieder am 21., 22. Januar, 4., 5., 6. Februar um 10 Uhr, sowie am 7. Februar um 15 Uhr

ROCK

Janis Joplin hatte

wohl doch eine Tochter

Höllenlärm: Aus zwei dicken Marshall- und einem Bassverstärker flutet schweres Dröhnen in das kleine Café Zapata. Rückkoppelungen und tiefes Grummeln, dass die Gläser auf den Tischen klirren, die Luft flattert. Dabei sind nur drei Leute auf der Bühne. Ein Bassist, der knurrige Tieftöne in seltsamer Technik mit der linken Hand von oben greift, ein präzise polternder Drummer und eine schwarze Gestalt mit wehendem Umhang, düsterer Kapuze und obskurem Zeichen auf der bleichen Stirn. Wie ein apokalyptischer Reiter, Gevatter Tod und Henkersbraut in einer Person, schwingt sie die elektrische Telecaster-Gitarre wie eine Sense zu düster schwer verzerrten Akkorden und verzerrtem Gesicht, lacht diabolisch und schreit furchterregend. Das ist die 24-jährige Rose Kemp aus Bristol. Als sie sich vor zwei Jahren zum ersten Mal in Berlin mit einem faszinierend eigenartigen Kontrast von betörend melodischem Folkgesang und krachender Heavy-Metal-Gitarre als großes neues Talent empfahl, war sie noch solo. Man durfte durchaus bezweifeln, dass an dem berauschenden Auftritt nur mit Gitarre und herausragender Stimme durch Hinzufügen einer Band überhaupt noch etwas zu verbessern wäre. Die Band ist gut und laut und rührt in einer zähflüssigen Klangpampe, doch interessanter wird es erst, als die Mitstreiter von der Bühne gehen und Rose für drei Songs alleine lassen. So hinreißend wie damals, als sie a cappella sang und ihre Stimme in digitalen Endlosschleifen zu dichten Chören schichtete, ist es heute nicht mehr. Aufregend allerdings, wenn sie in „Flawless“ – vom neuen Album „Unholy Majesty“  – eine langsame, ruhige Melodie mit den Fingern der rechten Hand auf das Gitarrengriffbett tappt und schiebt. Doch schon kommt die Band zurück zum großen Restelärmen, und sie stapeln nochmal dräuend stürmende Klänge, Rauschen, Pfeifen, Krachen, Feedback. Gute-Laune-Musik ist das nicht. Aber muss ja auch nicht. Nach einer Stunde ist schlagartig Schluss. Keine Zugabe. Reicht auch. H. P. Daniels

KLASSIK

Vehementes Spiel

kennt keine Höhenangst

Hohe Schule der Instrumentalmusik erfüllt sich in Johann Sebastian Bachs Sonaten und Partiten für Solovioline wie in ihrem Gegenstück, den Suiten für Violoncello allein. Mit den sechs Solosuiten legt der Berliner Wolfgang Boettcher nun „so etwas wie die Summe meiner lebenslangen Arbeit an diesen Werken“ vor (Nimbus Records). Bis 1976 Solocellist der Berliner Philharmoniker und Gründungsmitglied der „12 Cellisten“, trennte er sich von der Orchesterstelle, um seine Zeit als Solist, Kammermusiker und Professor an der Universität der Künste einteilen zu können. Seine Meisterkurse sind in europäischen Ländern wie in Japan gefragt. Wie spielt Boettcher seinen Bach, den Magier aller Tänze? Nach dem Studium der Lehrwerke aus der Zeit von C. P. E. Bach oder dem Schmitz-Buch über die „Kunst der Verzierung im 18. Jahrhundert“ findet er zu einer Intensität, deren letzter Schluss die persönliche Entscheidung des Interpreten ist. Der Hörer darf also einem Pizzicato in der 6. Suite zustimmen oder nicht. Wichtig ist, dass die Systematik der Kompositionen immer gewahrt wird. Boettcher charakterisiert fein die schnellen Tempi, in denen jeder Ton Gewicht hat (Courante, 2. Suite), Stimmungswechsel zwischen Dur und Moll in dem Paar von Bourréen (3. Suite), den Cellogesang gebundener Achtel in der Sarabande und die Gavotten, in deren Paar Triolen gegen die Geradheit schweben (5. Suite). Im Prélude der 6. Suite kennt das vehemente Spiel keine Höhenangst. Boettchers Bach heißt Ehrfurcht vor der Musik und Freude am Instrument. Sybill Mahlke

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