Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Gurren und Schnurren

Ein bisschen ungerecht ist das schon: Da rackern sich die vier Jungs von The Duke Spirit an ihren Instrumenten ab und stehen doch im Schatten von Sängerin Liela Moss – zumindest was die Aufmerksamkeit des Publikums im Lido angeht. Alle Blicke hängen an der platinblondierten 27-jährigen Britin, die sich in ihrem Paillettenkleidchen um den Mikrofonständer wickelt. Moss’ Sexappeal wirkt nie affektiert, allerdings auch alles andere als unschuldig. Die Erotisierung der Performance funktioniert indes nur durch das entsprechende musikalische Gegengewicht. Mit glutvollem, mal schleichendem, mal krachendem Blues -Noiserock stehen The Duke Spirit in der britischen Pop-Gegenwart allein auf weiter Flur, einzig der minimalistische Garagenrock von The Kills weist strukturelle Ähnlichkeit auf. Zu löchrigem Gitarrengekratze, unter das Olly Betts’ rumpelndes Schlagzeug einen archaischen Bo-Diddley -Touch mischt, nölt, gurrt und schnurrt Moss mit einer Stimme, die manchmal in ein aufreizendes Ennui kippt. Zweimal noch pustet sie kurze Soli in eine Bluesharp, dann ist nach 60 Minuten das erste erinnerungswürdige Konzert des Jahres auch schon vorbei. Jörg Wunder

KLASSIK

Knittern und Knüllen

Eine gewaltige musikalische Reise haben sie sich vorgenommen, die Mitglieder des Bundesjugendorchesters: durch ganz Russland, die Weiten Sibiriens, die Steppen der Mongolei bis nach China. Für viele der 14 bis 19 Jahre alten Musiker ist es die erste große Orchestersause. Da braucht es einen erfahrenen Reiseleiter am Pult, der mehr ist als nur ein guter Dirigent. Kirill Petrenko, der ehemalige Musikchef der Komischen Oper Berlin, erweist sich als die ideale Wahl für das transsibirische Programm, mit dem Deutschlands jüngstes Spitzenorchester auf Einladung der Berliner Philharmoniker Station im Scharounbau macht. Bescheiden und dabei gespannt bis in die letzte Faser des Körpers, zugewandt ohne den leichtesten Anflug von Kumpanei, bringt Petrenko eine ungeheure Konzentration in den Saal. Die braucht es auch, denn nicht nur die Klangreise von Arthur Honeggers Dampflokomotivenskizze „Pacific 231“ zu Tan Duns Knitter-und-Knüll-Poem „Paper Concerto“ ist weit. Das Programm hat durchaus Längen, und die musikethnologische Begegnung mit drei mongolischen Musikern fällt eher schüchtern als neugierig aus. Per Obertongesang mit dem Himmel zu kommunizieren, lernt man nicht auf Klassenfahrt. Dass trotzdem alle enthusiastisch das Ziel erreichen und die magischen Kräfte von Strawinskys „Feuervogel“ die Philharmonie ergreifen, beweist die Reife des Bundesjugendorchesters unter Kirill Petrenko. Ulrich Amling

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