Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Christian Schröder

THEATER

Kardinal und Käfer

Wahr ist: Das Stück heißt Alles ist wahr und es handelt – so der Untertitel – von König Heinrich VIII., dem Herrscher mit dem beeindruckenden Backenbart und hohem Frauenverschleiß. Es entstand um 1512, ob es tatsächlich von William Shakespeare stammt, der sich danach vom Theater zurückzog, ist umstritten. In Berlin war es noch nie zu sehen, bis jetzt, denn nun hat – Achtung, Sensation! – die Truppe Shakespeare und Partner das Drama neu übersetzen lassen (von Werner Buhss) und im Admiralspalast-Studio auf die Bühne gebracht. Prinzipal Norbert Kentrup, ehemals Leiter der Bremer Shakespeare Company, trägt eine Pappkrone und gibt den Heinrich als Mischung aus Kraftkerl und Jammerlappen. Seine Mitspieler (Sebastian Bischoff, Andreas Erfurth, Jan Maak, Urs Stämpfli) spielen Hofschranzen, schlüpfen für weibliche Rollen in Rüschröcke und tucken dann heftig herum. Der Defiliermarsch dröhnt aus einem Ghettoblaster, die Sprache klingt forciert gegenwärtig. „Wie ist der König drauf?“ Offenbar gut, er nennt Anne Boleyn einen „flotten Käfer“. Der Herzog von Buckingham wird abserviert und zum Tod verurteilt, Kardinal Wolsey intrigiert, zäh zieht sich das Drama. Mechanismen der Macht: „Vom Zenit des Ruhms geht es in den Keller.“ Nach der Pause kommt das Spiel in Fahrt, Höhepunkt ist ein Festschmaus, bei dem Bananen mit der Gabel geschält werden. Die Konturen der Figuren bleiben blass, alles endet im Lobgesang auf Elisabeth, die kommende Königin. Zweieinhalb Stunden weißes Deckenlicht. Ein bisschen mehr Illusionismus wäre schön (wieder heute, 5., 6. u. 7. Feb, 20. u. 21. März, 19.30 Uhr). Christian Schröder

KLASSIK

Heiterer Kehraus

Bernhard Haitink dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Mahlers Siebter Symphonie. Besonderes Kennzeichen? Der durchweg herbe, manchmal harsche Streicherklang. Punktuelle bizarre Feinheiten, an ihnen ist die Siebte mit ihren Tenorhorn-, Gitarren- und Kuhglocken-Einsprengseln reich, werden kaum hervorgehoben. Hat Haitink, der im März seinen 80. Geburtstag feiert, Mahler nicht schon mal anders gesehen, als Bürgerschreck, wie seine Kollegen Bernstein und Solti? Aber von den drei Dirigenten, die den großen Vergessenen in den sechziger Jahren ins Stereo-Zeitalter einführten, war Haitink der interpretatorisch besonnenste. Sein Interesse für die musikalische Form dieser „Weltanschauungs-Symphonien“ hat ihn zu einem Altersstil geführt, der staunen macht. Momente, die man in der Siebten gerne als orchestrale Aufschreie verstand, zeigen sich als unabtrennbare Teile des Formganzen, die dieses Ganze musikalisch speziell machen – musikalisch, nicht philosophisch. Kommentare der Pauke oder der Kontrabässe wirken bei Haitink nicht wie intellektuelle Exzeme an einer eigentlich zu schönen Musik – das gängige Mahler-Klischee –, sondern als musikalische Notwendigkeit. Das Finale dirigiert Haitink ohne meistersingerischen Bombast, wie einen Haydn: als heiteren Kehraus. Mahler als Klassizist, Mahler für Erwachsene. Harmlos? Nie. Matthias Nöther

KLASSIK

Die Akribie des Uhrmachers

Vom gerade begonnenen Haydn-Jahr ist nicht nur viel Musik des Jubilars zu erwarten. Auch anspruchsvolle, überraschende Programmkonstellationen stehen ins Haus, denn Haydn hat viele Komponisten inspiriert. So beginnt das junge Hamburger Ensemble Resonanz, spezialisiert auf Brückenschläge zwischen Alt und Neu, sein Haydn-Variationen betiteltes Konzert im Kammersaal der Philharmonie mit Edison Denissows melancholischem Werk „Tod ist ein langer Schlaf“ von 1982. Dem Stück für Violoncello und Kammerorchester liegt ein Kanon Haydns zugrunde, in vielfältigen Schichtungen und Brechungen webt ihn Denissow durch alle Instrumente. Das Ensemble ist in seinem Element, formt das komplexe Stimmgeflecht mit Andacht und Feingefühl, lässt es zum Schluss in gleißende Klangfarben zerlaufen. Auf gleichem Niveau gelingt Haydns Cellokonzert D-Dur: Jean-Guihen Queyras gestaltet die heiklen Solopassagen mit uhrmacherischer Akribie. Hier, wie auch in Haydns Sinfonie Nr. 48 spürt man die Grenzen einer Aufführung ohne Dirigenten: Während kraftvolle Orchesterpassagen homogen gelingen, fehlen in den ruhigen Abschnitten gelegentlich schlüssige Übergänge, die einer führenden Hand bedürfen. Ulrich Pollman

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