Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Christoph Funke

THEATER

Verlorene

Paradiese

Tugend zeichnet Franz Kafkas Held Karl Roßmann aus. Der Sechzehnjährige, von seinen Eltern zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Amerika geschickt, lebt in einer Welt, die es nicht gibt. Gerechtigkeit, Kameradschaft, Solidarität, Sauberkeit, so schildert es das Romanfragment Amerika, sind ihm Richtschnur. Im so hoffnungsvoll betretenen neuen Kontinent muss Roßmann mit diesen Grundsätzen scheitern, naive Unschuld hat im gesuchten, aber längst verlorenen Paradies keine Chance. Die unvollendete, 1912 begonnene Erzählung ist schon oft auf die Bühne geholt worden, jetzt von der JugendTheaterWerkstatt Spandau in Zusammenarbeit mit dem Theater an der Parkaue – ein Ereignis. Vierzig Darsteller im Alter von 15 bis 65 Jahren und zehn Assistenten erarbeiteten sich Text und Aufführung unter Leitung von Carlos Manuel. Ihnen gelang ein quicklebendiger Theaterabend (zuerst im August 2008 in Spandau gezeigt) mit einprägsamen Bildern und fast quirliger Beweglichkeit, die auch die Zuschauer zu Ortswechseln zwingt. Eine steile Schräge, mit Treppen und Durchschlupfen (Bühne: Fred Pommerehn) nimmt die Szenen auf. Karl Roßmann ist mehreren Darstellern anvertraut, und dieses Prinzip des gleitenden Rollenwechsels bestimmt die dreistündige Aufführung - Männer spielen Frauen, Frauen Männer, die Protagonisten mischen sich wieder in den Chor und gehen aus ihm hervor. Streikszenen, Wahlkämpfe, Vorstadtabenteuer sind hineingeschnitten, Operettenseligkeit klingt auf, parodistische Opernschluchzer kommen zu Gehör, es wird getanzt und gesungen. Vom Eingangsbild auf der Hinterbühne bis zum Engelchor des „Naturtheaters von Oklahoma“ herrscht unbändige Spielfreude - und staunenswerte pantomimische und sprachliche Disziplin. (Im Theaters an der Parkaue wieder am 19. und 20. Januar) Christoph Funke

POP

Auferstandene

Kiesel

Wenn nach 28 Jahren eine Band wieder auftaucht, auf die der Begriff „Kult“ zutrifft, dann gehst du hin. Die Young Marble Giants aus Cardiff sind Klassiker. Mit ihrem einzigen Album „Colossal Youth“ von 1980 hat das Trio ein Meisterwerk geschaffen, das vom Rolling Stone auf Platz 43 der 500 einflussreichsten Alben der Rockgeschichte gewählt wurde und Vorbild für unzählige Postrockbands war wie Stereolab, Tortoise oder den Gitarristen und Tüftelrocker David Grubbs, der sich im Vorprogramm als moderner Barde präsentiert. Der Großteil des Publikums ist freilich wegen der Young Marble Giants ins HAU2 gekommen. Da stehen sie: Stuart und Philip Moxham plus Alison Statton mit ihrer glockenhellen Mädchenstimme, während die Moxham-Brüder und ein zusätzlicher Minimal-Drummer das musikalische Gerüst bilden. Sparsam intoniert mit gebremster Surfgitarre, grandiosem Knupperbass und einer im Zwei-Finger-System gespielten Heimorgel zu sanft klopfender Rhythmusbox, findet ihr Minimal-Pop zu einer ungemeinen Konzentration und versprüht gleichzeitig spröden Charme. Stücke wie „Searching For Mr. Right“, „Wurlitzer Jukebox“ oder „Final Day“ üben noch immer eine große Faszination aus. Sechzig Minuten dauert der umjubelte Auftritt von Young Marble Giants - einer Band, deren Musik nichts von ihrer Frische verloren hat. Volker Lüke

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